26. Februar 1996 | Focus Magazin Nr. 49 | Literatur, Rezension | Der englische Patient

Mit dem Blick eines Fremden

Erzählerischer Trapezkünstler und Kartograph von Träumen: der Kanadier Michael Ondaatje und sein Roman „Der englische Patient"

Es gibt, sagt Michael Ondaatje, zwei Arten von Büchern: Am Anfang der einen verspricht der Autor Ordnung, und man gleitet in ihr Gewässer mit ruhigem Paddel. Die anderen beginnen mit Zögern und Chaos, und man stürzt in sie hinein wie durch eine Tür, ein Schloß oder ein Wehr. Das müssen seine eigenen Bücher sein.

Das Leben ist bei Ondaatje kein langer ruhiger Fluß, sondern ein Wildwasser, in dem es immer wieder durch Strudel und Stromschnellen geht. Die Phantasie hat ihre Schleusen geöffnet und reißt den Leser fort durch Gegenden, die er sich nicht hätte träumen lassen. Ondaatjes Bücher betritt man als Reisender. Fremde Gerüche schlagen einem entgegen, und ungewohnte Anblicke tun sich auf. Dabei sind seine Schauplätze so exotisch nicht. Toronto, die Toskana und Sri Lanka gehören längst zum Repertoire jedes besseren Weltreisenden. Aber verglichen mit dem, was Ondaatje einfällt, sind diese Orte bisher kaum mehr als weiße Flecken auf der Land- karte gewesen.

Vielleicht stammt Ondaatjes Neugier daher, daß er seine Weltläufigkeit nicht erst beweisen muß. Seine Vorfahren sind Tamilen, Singhalesen und Holländer, er wuchs auf Sri Lanka auf, kam mit elf aufs Dulwich College nach England und folgte 1962 seinem Bruder nach Toronto, wo er heute mit Frau und zwei Kindern lebt. Es kann also gut sein, daß der Sohn so vieler Herren Länder sich im Morgen- wie im Abendland den Blick des Fremden bewahrt hat.

Wenn man Michael Ondaatje gegenübersitzt, dann wirkt er wie jemand, der sich mit Büchern wohler fühlt als mit Menschen. Auf alle Fälle ist er jemand, der lieber selbst Fragen stellt als gefragt wird. Aus tiefliegenden Augen kommt sein Blick mindestens so zögernd wie seine Antworten. Eine stille Freundlichkeit liegt in seinem Gesicht und jene Spur Widerspenstigkeit, die auch seine Haare aufzustellen scheint. Es ist nicht leicht auszumachen, welche Züge seinem asiatischen und welche seinem europäischen Erbe entstammen – jedenfalls ergeben sie eine sympathische Mischung.

Hinter seiner bedachten Art versteckt sich eine überbordende Phantasie. Bei der Arbeit macht er den Mangel an Systematik dann durch Disziplin wett: „Ich habe keinen Plan. Aber ich schreibe täglich von 9 bis 16 Uhr. Dafür ziehe ich mich an einen Ort zurück, wo mich keiner erreicht. Ich bin ein langsamer Schreiber, denn es ist schwer, die richtige Form zu finden. Ich habe meistens zu viele Einfälle, deshalb habe ich ,Der englische Patient“ eineinhalb Jahre lang überarbeitet.“

„Der englische Patient“ ist erst sein neuntes Buch in 25 Jahren. Lange hielt er sich als Literaturprofessor, Kleinverleger und Dokumentarfilmer über Wasser. 1967 debütierte er mit der Gedichtesammlung „The Dainty Monsters“. Drei Jahre später folgte die Collage „The Collected Works of Billy the Kid“. Fotos, Gedichte, Anekdoten, Interviews, Balladen, Zeitungsartikel – all diese Stilformen hat er zu einem vielstimmigen Porträt montiert, das aus der Wirklichkeit eine Erfindung macht.

Seine Montagetechnik hat Ondaatje dem Kino entlehnt, das seine „Passion und Sünde“ ist, seit er „Scaramouche“ gesehen hat: „Ich schreibe einen ersten Entwurf, und dann schneide ich das wie einen Film. Probiere aus, verwerfe, stelle neu zusammen. Die Verbindung zwischen den Szenen ist sehr wichtig, und was man wegläßt, oft wichtiger, als was man behält.“ So fügt Ondaatje seine Szenen selten in chronologischer Reihenfolge zusammen, sondern schwingt wie ein Trapezkünstler zwischen den Orten und Zeiten hin und her.

1982 wandte er sich seinen ceylo- nesischen Ursprüngen zu: „Ausgelöst wurde alles durch den weißen Knochen eines Traums, den ich kaum festhalten konnte…Der Winter fing gerade erst an, und ich träumte bereits von Asien.“ Ondaatje beschloß, mit Frau und Kindern das Land seiner Vorfahren zu bereisen. Daraus wurde eine so vergnügliche wie eindrückliche Sammlung von Geschichten: „Running in the Family – Es liegt in der Familie“.

Die Familienchronik verdankte ihr Erscheinen bei uns dem Erfolg von „In der Haut eines Löwen“, diesem Gedicht von einem Roman, der die Vergangenheit von Ondaatjes Wahlheimat Schicht um Schicht freilegte. Es wimmelt darin von Brückenbauern und Tunnelarbeitern, Tagedieben und Träumern. Und es gibt darin Szenen, die sich auf immer ins Gedächtnis der Leser einbrennen. Von einer Kuh, die ins Eis einbricht. Oder von einer Nonne, die im Sturm von einer Brücke geweht wird und von einem Brückenarbeiter im Flug gefangen wird.

„Es fängt“, sagt Ondaatje, „immer mit einem Bild an. Ein Junge, der in einem Feld Wachteln jagt, oder ein Mann, der eine Telefonzelle sucht. Das kann aus einem Traum kommen oder aus einem Zeitungsartikel.“ Es können aber auch Fotos vom Bau des Bloor-Street-Viadukts sein wie bei „In der Haut eines Löwen“ oder Aufsätze der Royal Geographical Society über Sandstürme wie in „Der engliche Patient“. An der Danksagung zu seinem neuen Roman sieht man, daß ihm jede Begebenheit gut genug ist als Sprungbrett für seine Imagination, daß er dann aber auch versucht, soviel wie möglich über die Zeit oder den Ort zu erfahren, wo ihn seine Einbildungskraft hinbefördert hat.

Im Falle des „Englischen Patienten“ waren das nicht nur die Berichte der Wüstenforscher, sondern auch Ausführungen über die Arbeit der Minenräumeinheiten im Zweiten Weltkrieg oder Schilderungen aus dem Leben in der Toskana zu jener Zeit. Damit sind auch schon die Eckpfeiler abgesteckt, zwischen denen Ondaatje diesmal sein Netz gespannt hat.

In einer zerbombten toskanischen Villa finden sich nach Kriegsende vier Figuren wieder, die sich alle auf ihre Weise der Zukunft verweigern. Eine Krankenschwester, ihr englischer Patient, ihr kanadischer Onkel und ein indischer Minenräumer, der ihr Geliebter wird. Die Krankenschwester hat ihren Vater im Krieg verloren. Der Patient ist nach einem Flugzeugabschuß über der Wüste am ganzen Leib verbrannt. Dem Onkel, der sich als Dieb durchs Leben schlug, sind beide Daumen abgeschnitten worden. Und der Pionier riskiert mit jeder zu entschärfenden Bombe aufs neue sein Leben. So hausen sie im Niemandsland und werden immer wieder von den Geschichten aus ihrer Vergangenheit heimgesucht: „Wir sterben und bergen in uns den Reichtum von Geliebten und Stämmen, den Geschmack von Speisen, die wir gegessen haben, Körper, in die wir eingetaucht sind, als wären es Flüsse von Weisheit, Charaktere, in die wir geklettert sind, als wären es Bäume, Ängste, in denen wir uns versteckt hielten, als wären es Höhlen. Ich wünsche mir all dies auf meinem Körper verzeichnet, wenn ich tot bin.“

Michael Ondaatje hat sich auch in „Der englische Patient“ wieder als Kartograph der Träume betätigt. In England ist er dafür mit dem begehrten Booker-Preis ausgezeichnet worden. Was den Autor, der lange kaum mehr als 500 Exemplare seiner Bücher verkaufte, daran am meisten vergnügt hat, ist die Tatsache, daß diese Meldung in seiner Heimatstadt die örtliche Baseball-Mannschaft Toronto Blue Jays aus den Schlagzeilen verdrängt hat: „Das war ein ziemlicher Schock für mich.“

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