12. Oktober 1994 | Süddeutsche Zeitung | Kunst, Porträt | Christoph Vitali im Haus der Kunst

Wie der Museumschef mit der Vergangenheit im Haus der Kunst zu kämpfen hat und mit der Trägheit einer Stadt, die doch von ihm Impulse erwartet

München,11. Oktober – Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei im Haus der Kunst ein Comic-Album aus dem Leim gegangen. Überall stehen und liegen die bunten Gemälde des Pop-Artisten Roy Lichtenstein, deren Farben in den hohen, hellen Sälen zu explodieren scheinen. Viel zu viel Licht, meint Jesus del Pozo, der es wissen muß, denn er ist der Restaurator, der für diese Ausstellung mit dem Haus der Kunst zusammenarbeitet. Die Säle müssen noch abgedunkelt werden, sagt er. Nicht nur der Bilder, auch der Betrachter wegen. Das Auge ermüde sonst zu schnell. Wer also denkt, es gehe bei diesem Gewerbe nur darum, ein paar Bilder an die Wand zu hängen, täuscht sich gewaltig.

Aber genau das ist es, was Christoph Vitali im selben Moment macht, und er ist dabei in seinem Element. Noch zwei Tage sind es bis zur Eröffnung der Lichtenstein-Retrospektive im Münchner Haus der Kunst, und der Chef tut das, was er am liebsten macht: Mit den Kunstwerken selbst zu arbeiten, nachdem sie in den Monaten der Planung nur auf dem Papier existierten. Mit rudernden Armen läuft er zwischen den Sälen hin und her, gefolgt von einem Pulk Helfer, und dirigiert mit weißen Handschuhen die Gemälde mal hierhin, mal dorthin. Dabei geht es ihm nicht viel anders als jemandem, der seine Wohnung einräumt.

Irrlichterndes Phantom

Da steht er also, der schlaksige Schweizer mit dem verschmitzten Gesicht, inmitten seiner riesigen Ausstellungsräume, und es scheint so, als habe er selbst in diesen riesigen Sälen zu wenig Platz. Das war nicht immer so. Vitali – der nach eigenem Bekunden auf zwei Dinge nicht verzichten kann: Wein und Zigaretten – erzählt: ‚Ich kam aus dem kleinen Zweckbau der Schirn in Frankfurt, und die Frage, ob man diese gigantischen Räume im Haus der Kunst in den Griff kriegen könnte, war Anlaß für viele schlaflose Nächte. Plötzlich bin ich schweißgebadet aufgewacht und wußte nicht mehr, ob auf der einen Seite drei Räume sind oder vier, und habe zu mir gesagt, ,wie vermessen zu glauben, du könntest da eine Ausstellung ausrichten, wenn du noch nicht einmal das weißt.‘ Dann bin ich so lange schlaflos gelegen, bis ich gedacht habe, es hat keinen Sinn, ich muß nachsehen.‘

Das war vor zwei Jahren, als sich das Haus der Kunst noch im Umbau befand. Also zog sich Vitali, der damals schon in der ehemaligen Hausmeisterwohnung im Haus der Kunst wohnte (und es auch heute noch tut), seinen Schlafrock an und ging hinauf in die dunklen Räume. ‚Die Augen gewöhnen sich ja schnell an die Dunkelheit, und so bin ich da herumgelaufen und habe mich immer wieder gefragt, wie das funktionieren kann.‘ Man muß sich das vorstellen, wie der Chef da seine Gitanes rauchend durch die gewaltigen nachtschwarzen Säle geistert, ein glühender Punkt, der durch die Finsternis irrlichtert – wie das Phantom der Oper.

Vitalis Wohnung liegt im Sockel des Hauses der Kunst, wo früher die Büros der Discothek P 1 untergebracht waren. Das sei zwar nachts sehr laut, weil dann die Discobesucher mit ihren Autos die Zufahrt zum Parkplatz rauf- und runterrasen, aber sonst für ihn sehr günstig, da er eh kein Familienleben habe, weil Frau und Kinder in der Schweiz geblieben sind, als er nach Deutschland ging. Heute ist der Zugang von seiner Wohnung zum Haus der Kunst natürlich verschlossen, ’sonst müßte man ja nur bei mir klingeln und mir eins über die Rübe hauen, um alles auszuräumen‘.

Manchem mag es gespenstisch erscheinen, daß Vitali in dem 1937 von Hitler eingeweihten Bau nicht nur arbeiten, sondern auch noch wohnen will. Als vor vier Jahren über die Zukunft des heruntergewirtschafteten Hauses diskutiert wurde, gab es einige Stimmen, die dafür plädierten, das ungeliebte Machtmonument ganz abzureißen, weil sie immer noch ‚die Schritte des Führers durch die Hallen hallen‘ hören. Es wurde dann doch für gut 50 Millionen Mark renoviert, und Vitali zeigte von Anfang an keine Berührungsängste. Er lobte zum Einstieg die ’strenge, schöne, klassische Architektur, die der Kunst dienen will‘ und wurde dafür auch gleich mißverstanden: ‚Die Kritiker können offenbar den Gedanken nicht ertragen, daß auch einer verwerflichen Geisteshaltung ein funktional richtiger, ja – zumindest in seinem Inneren – schöner Bau entstehen kann.‘

Vitali geht die Vergangenheit lieber offensiv an. Mauern tragen keine Schuld, sagt er, sondern die, deren Ungeist noch immer die Geschichte des Hauses belaste. Und dagegen helfe es auch nicht, die Mauern einzureißen, sondern es gelte, ihm einen anderen Geist entgegenzusetzen: ‚Man muß die Schatten vertreiben, indem man die Fenster aufmacht und frische Luft hereinläßt.‘ So geschehen mit seiner Eröffnungausstellung ‚Elan vital‘, die Werke von Kandinsky, Klee, Arp, Miró und Calder versammelte, die für all das stehen, ‚was in der Ideologie der Nazis als ,entartet‘ galt‘. Daß der Titel der Ausstellung unwillkürlich an seinen Namen erinnert, nennt Vitali einen Zufall. Er hat genau deshalb sogar gezögert, ihn zu verwenden, aber schließlich gehe der Begriff auf Bergsons Vitalitätstheorie zurück, und so habe er gedacht: ‚Was soll’s?‘

Das ändert jedoch nichts daran, daß ‚Elan Vitali‘ ein passender Ausdruck wäre für das, was sich eine Stadt wie München von dem Mann erhofft, und auch für das, was er ausstrahlt – allenfalls durch eine gewisse Schweizer Zurückhaltung gebremst. 54 Jahre ist er jetzt alt, und hat eine beispiellose Karriere im Kulturbetrieb hinter sich. Eigentlich hatte der Sohn eines Bildhauers und einer Lehrerin schon Jura studiert und als Anwalt gearbeitet – ‚aus Berührungsangst, das zu meinem Beruf zu machen, was ich am meisten liebe‘ -, aber dann ging er 1969 doch ins Kulturreferat der Stadt Zürich, schließlich waren diese Jahre ‚eine der Weltsternstunden, wo vieles in Bewegung gerät‘. Im Herbst 1971 wurde er Chef der Behörde und war für Kulturförderung und -politik in Zürich verantwortlich. Zwei Theater leitete er, zwei Museen, ein Kommunales Kino und eine Kulturfabrik. Dann war er vierzig und fragte sich, ob er da weitermachen will. ‚Der Reiz hatte sich aufgebraucht, und mit dem Oberbürgermeister konnte ich auch nicht mehr. Wir hatten beide zu oft den Eindruck, einander Zugeständnisse zu machen.‘ Es kam ein Angebot aus Frankfurt, die Städtischen Bühnen zu übernehmen. Das war 1979, fünf Jahre später kamen das Theater am Turm, das Künstlerhaus Mousonturm, das OFF-TAT und die Schirn- Kunsthalle dazu. In dieser Zeit hat sich seine Leidenschaft allmählich vom Theater auf die Kunst verlagert: ‚Anfangs war ich nur nachmittags in der Schirn, später verbrachte ich immer mehr Zeit dort. Dem Theater ging es ja nicht so gut. Es fehlte die absolute Überzeugtheit, etwas tun zu müssen. Bei der Kunst erschien es mir wunderbar, mit festen Werken zu arbeiten.‘
Sein Erfolg als Ausstellungsmacher im für diese Zwecke eigentlich nicht sonderlich geeigneten Neubau der Schirn-Kunsthalle am Römerberg ist legendär: Russische Utopien, Kandinsky, Chagall . . . Als man ihn dann nach München holte, erwartete man, daß er das Haus der Kunst auf ähnliche Weise beleben würde.

Der Anfang in München gestaltete sich für Vitali aber dann nicht nur seiner nächtlichen Rundgänge wegen schwieriger, als er dachte. Erst platzte die ursprünglich geplante Eröffnungsausstellung mit der Barnes-Collection, dann gab es Ärger mit den Künstlerverbänden. Die wollen wie gehabt mit ihrer Großen Kunstausstellung drei Monate im Jahr ins Haus der Kunst; Vitali sieht dadurch jedoch bedroht, was er das Jahr über aufzubauen versucht. Einen Monat will er ihnen gewähren, mehr auf keinen Fall. ‚Daß das immer noch einen sozialen oder berufsständischen Wert hat, will ich gar nicht in Frage stellen. Dieser Versuch, die Salon-Idee ins 20. Jahrhundert zu retten, das klappte vielleicht noch in den Fünfzigern. Aber heute würde es jeder bessere Künstler weit von sich weisen, zu so einer Innung zu gehören.‘

Der Mann ist es gewohnt, freie Hand zu haben, und hat auch erst einmal die Öffnungszeiten bis 22 Uhr verlängert. Von den Querelen ist er hingegen reichlich verdrossen, so daß er mißvergnügt sagt, das sei eben München. Hier sei nie so klar wie etwa in Frankfurt, wer Freund und Feind ist. ‚Hier herrscht schon deutlich ein anderes Klima. Ich bin noch nicht sicher, ob ich darunter wirklich leide. Aber ich stehe hier schon vor der Schwierigkeit, sehr viel taktischer arbeiten zu müssen. Es ist immer sinnvoller, die Dinge zu verpacken. Das ist sozusagen der kulinarische Aspekt dieser Stadt.‘
Andererseits sagt er auch, daß er schon vorhat, seinen Fünfjahresvertrag zu verlängern, ‚wenn alles so funktioniert, wie ich mir das vorstelle‘. Aber danach will er ins Ausland, zumindest in eines, dessen Sprache er spricht. Eine Arbeit wie die von Giovanni Trappatoni, dem italienischen Fußballtrainer von Bayern München, der kein Deutsch spricht, kann er sich nicht vorstellen. Und bekennt auch gleich, daß er zum FC Bayern noch keine Beziehung aufgebaut habe; er hänge immer noch an Eintracht Frankfurt.

Eine Sekretärin kommt ins Zimmer und fragt, ob RTL für ‚Guten Morgen Deutschland‘ bei der Lichtenstein-Eröffnung drehen dürfe. Ja, sagt Vitali, ‚das ist ganz gut, da gucken eigentlich viele Leute‘. Auf Vermarktung um jeden Preis ist Vitali allerdings nicht aus. Entsetzlich fand er es etwa bei einer Vernissage in Tours, daß im Park hinter der Kathedrale eine Figurengruppe von Giacometti aus Zuckerguß stand. Auch die Angebote für Ausstellungsführungen per Walkman lehnt er entschieden ab. Die ’schwere Arbeit der Betrachtung‘, sagt er, sei durch nichts zu ersetzen. Eine gut gehängte Ausstellung müßte eigentlich ohne Erklärungen auskommen.

Seine Ehrfurcht vor den Bildern geht so weit, daß er es ablehnt, sich Bilder an die Wand zu hängen. Sein schmuckloses Büro, das unter dem Vorgänger kaum anders ausgesehen haben dürfte, hat genauso leere Wände wie seine Wohnung: ‚Das Kunstwerk soll nicht zu einem Möbelstück degradiert werden. Aber es ist schon vorgekommen, daß ich Bilder von meinen Kindern oder von Freunden aufgehängt habe.‘ Er würde Kunst auch kaufen, aber hätte dafür dann gerne einen eigenen Ausstellungsraum, eine Art Kapelle sozusagen. Hätte er gern einen Roy Lichtenstein? Ja, sagt er, die Picasso-Paraphrase. Oder einen seiner berühmten ‚Pinselstriche‘ vielleicht. Es gibt doch vieles, was er gerne behalten würde. Zum Beruf des Ausstellungsmachers gehöre eben auch der Trennungsschmerz. Und wenn er dann Jahre später irgendwo ein Bild wiedersieht, erzählt Vitali, dann fahre er oft richtig zusammen: ‚Was macht denn mein Bild da?‘

Kein Ekel vor Politikern

Langsam fügt sich die Ausstellung zum Bild. Noch lehnen die Bilder an der Wand. Aufgehängt werden sie erst später. Mit dem Restaurator unterhält sich Vitali auf spanisch über das Licht. Womöglich muß ganz abgedunkelt werden, um auf den vorgeschriebenen Wert von 300 Lux zu kommen. Noch sind es 1000 Lux. Sein Mitarbeiter Hubertus Gaßner kommt und wird von Vitali durch die Säle geführt. Er hat die Säle jetzt im Griff, kein Zweifel.

Was, fragt man sich, ist der Schlüssel zum Erfolg des Christoph Vitali? Ist er vielleicht doch nicht der schweizerisch gemütliche Bohémien, der er auf den ersten Blick zu sein scheint? Fast hat man den Eindruck, daß alles zu gut paßt und daß jemand, der über Jahrzehnte so erfolgreich mit Politikern und Publikum umgeht, vielleicht doch glatter und smarter ist, als er auf den ersten Blick wirkt. Wie macht er das? ‚Ich habe zum einen nicht die Verachtung für die Politker, die die meisten meiner Kollegen haben. Zum anderen ist es mir gelungen, ein starkes Team zu bilden. In der Öffentlichkeit wird diese Arbeit immer personalisiert, aber ohne meine Leute ginge es nicht. Natürlich bin auch eitel, aber das ist eher eine Eitelkeit der Arbeit als der Person.‘

Am Ende des Vorworts im Katalog zu seiner ersten Ausstellung bedankt sich Vitali, wie sich das gehört, artig bei allen Beteiligten dieses Neuanfangs, bei den Leihgebern, dem Minister Zehetmair und dem Mäzen Schörghuber, der Baubehörde und den Handwerkern. Dann aber wendet er sich nochmals an seine Mitarbeiter und endet mit den schönen Worten: ‚Sie alle umarme ich in großer Dankbarkeit.‘ Vielleicht ist der Erfolg manchmal auch eine Sache des Tonfalls.

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