30. Januar 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | La Vie de Jésus

...denn sie wissen nicht, was sie tun

Nicht nur Notizen aus der Provinz: Bruno Dumonts Film LA VIE DE JÉSUS

Den Titel kann man getrost vergessen – damit tut sich der Film keinen Gefallen. DAS LEBEN JESU, das weckt falsche Hoffnungen und noch falschere Befürchtungen. Nicht mal die wohlmeinendsten Interpreten könnten eine plausible Beziehung zwischen der Leidensgeschichte des einen und der Story des Films herstellen. Man muß das so sehen wie bei den Surrealisten, die ihre Bilder gerne mit Namen versahen, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Gesehenen zu tun hatten. Vergessen wir den Titel also einfach.

Also ganz was anderes: Der Film spielt in Bailleul, einem Städtchen in Nordfrankreich, wo das Gras grün, der Himmel blau und das Leben langweilig ist. Der Held heißt Freddy, leidet von Zeit zu Zeit an epileptischen Anfällen und wird von seinen Jungs trotzdem als Chef anerkannt, weil er eine Freundin hat, mit der er schläft. So einfach ist das, und so einfach stellt es Regisseur Bruno Dumont auch dar. Er treibt es mit der Einfachheit sogar so weit, daß man manchmal unwillkürlich an die asketischen Filme von Robert Bresson erinnert wird. Die Bilder scheinen von allem überflüssigen Gerümpel befreit, stets auf das Eine, das Wesentliche reduziert: eine Geste, eine Farbe, ein Muster, ein Augenblick. So bekommt die Geschichte in der Tat etwas Unausweichliches, Zwangsläufiges, wenn es denn sein muß: Biblisches.

Bailleul ist hinterste Provinz, und so sieht das Leben auch aus: Man ist volljährig, hat keine Vorstellung, was das Leben noch bringt, aber auch keine Perspektiven. So hängt man rum und sieht der Zeit beim Verstreichen zu oder versucht sie zu beschleunigen, indem man mit dem frisierten Moped ziellos durch die Gegend rast. Man bastelt an einen 205 GTI herum, fährt nach Dünkirchen zur Parade oder ans Meer, läßt Grillen um die Wette zirpen. Leidenschaft ist kein Thema in diesem Alter, in dieser Gegend, in dieser Truppe – nicht einmal beim Sex.

Daß diese Leute so stumpf, so dumpf wirken, daß man ihnen nicht ins Herz blicken kann, daß sie mit gleichmütigem Starren unseren Blicken – und den eigenen – begegnen, sorgt für eine eigentümliche Faszination. Normalerweise sucht das Kino bei solchen Leuten – außer vielleicht beim Western – stets den unverstellten, leichteren Zugang zur Realität, die man sonst so leicht aus dem Blick verliert. Dumont geht den umgekehrten Weg: Alles wirkt wie ein Ritual und doch lebensnah. Vielleicht weil das Leben dort nur durch tägliche Rituale erträglich ist. Manchmal muß man an Gangsterfilme denken, deren Faszination auch aus dieser Mischung von konkretem Handwerk und abstrakten Ritualen herrührt.

Und wie im Genrefilm drängt die Geschichte irgendwann voran: Ein Araber nähert sich Freddys Freundin, ganz freundlich, und das Mädchen reagiert, unmerklich, unwillkürlich fast. Nichts ist passiert, aber die Dinge kommen ins Rutschen. Alles drängt zur Eskalation – und keiner weiß warum.
Wer glaubt, es gehe hier um Fremdenfeindlichkeit, ist auf der falschen Fährte. Aber die Zwangsläufigkeit, mit der sich das entwickelt, hat schon etwas mächtig verstörendes. Dumont sucht keine Antworten, er zeigt das Ritual. Am Ende liegt Freddy nach einem Anfall wieder in der Wiese: Das Gras ist grün, der Himmel blau – und das Leben die Hölle.

LA VIE DE JESUS, F 1997 – Regie und Buch: Bruno Dumont. Kamera: Philippe Van Leeuw. Ausstattung: Frédérique Suchet. Musik: Richard Cuvillier. Darsteller: David Douche, Marjorie Cottreel, Kader Chaatouf.

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