05. September 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Der verführte Mann

Friedhof der Liebe

DER VERFÜHRTE MANN - Patrice Chéreaus dritter Spielfilm

Das Grauen: Ein Schrottplatz im nächtlichen Nebel, von grellen Scheinwerfern unbarmherzig beschienen, eine gespenstisch bleiche Szenerie. Schaukelnde Autos lassen auf das Treiben hinter den verklebten Scheiben schließen. Das Mechanische der Lust verbirgt sich hinter der Starre mattschimmernder Karosserien. Gestalten lösen sich aus dem Dunkel, treten in die Nacht, als verfolgten sie ein geheimes Ritual, das dem entsetzten Beobachter verschlossen bleibt. Halb angeekelt, halb fasziniert, starrt Henri (Jean-Hugues Anglade) auf diesen makabren Schauplatz heimlich abreagierter Lust. Bosmans (Roland Bertin), sein ältlicher Führer durch diesen Vorhof der Hölle, horcht indes genüßlich in die Nacht, aus der „die Musik der Liebe normaler Paare“ dringt. Die offenbar selbstverständliche Ruhe, mit der sich diese Menschen durch die Abgründe der Sexualität bewegen, ist es, was Henri verlockt und verführt.

Der dritte Spielfilm des französischen Theaterregisseurs und -intendanten Patrice Chéreau spielt in der sommerlichen Schwüle heißer Augustnächte und ist doch ein eiskalter Film. Er schildert eine Welt, die selbst in sonnenbeschienenen Szenen noch düster wirkt. In ihr gibt es nirgendwo Halt, nur inszenierte Kälte und Leere: kahle Wohnungen, öde Straßen, anonyme Bauten. Dem Zuschauer bieten sich keine Anhaltspunkte, die ein Wiedererkennen ermöglichen würden, nichts, worauf der Blick ruhen könnte. Was bei Chéreau allerdings Methode hat. Denn sein Ziel ist es gerade, die Orientierung zu verhindern, diese Nacht durch Verrätselung unzugänglich zu machen. Durch den Schnitt, der gleiche Bewegungen in verschiedenen Räumen aneinanderschneidet, verschwimmen die Raumgrenzen, verwirren sich die Orte zu einem undurchdringlichen Labyrinth.

Zu Beginn des Films sieht man Henri noch im Kreise seiner Familie. Die großen Ferien haben begonnen und man bricht auf, um die Schwester zum Zug zu bringen. Chéreau inszeniert die lähmende Enge des Familienlebens, indem er den Personen mit der Kamera auf den Leib rückt, sie in den Einstellungen durch lange Brennweiten von ihrer Umgebung isoliert.

Erst auf dem Bahnhof wird der Familienkäfig aufgebrochen durch die begehrlichen Blicke, die der alte Homosexuelle Bosmans Henri zuwirft Es beginnt eine Verfolgung, bei der die beiden wechselseitig immer wieder der Mut verläßt, aufeinander zuzutreten. Doch Bosmans ist ohnehin nur der danteske Führer Henris durch die Unterwelt des Bahnhofstrichs. Wobei Chéreau an Prostitution und Homosexualität nur in zweiter Linie interessiert ist. In der Hauptsache geht es ihm darum, eine Atmosphäre von Verführbarkeit und Verführung zu schaffen, die Henris leidenschaftliche Verwirrung der Gefühle bewirkt. Diesem Zweck ordnet er alles unter, er präsentiert die Welt, wie Henri sie sieht; das heißt, er überzeichnet auch: Die Mutter ist zu nervtötend, der Vater zu schweigsam und die Wohnung zu schmutzig.

Wenn Henri Jean (Vittorio Mezzogiorno) kennenlernt, wird er nach einem erzwungenen Kuß von ihm genötigt, einen auf dem Toilettenboden liegenden Freier mit Füßen zu treten. Als er sich umdreht, ist Jean verschwunden. So wird es bleiben: Immer entzieht sich Jean, taucht plötzlich wieder auf und verführt Henri von neuem. Erst am Ende holt Henri das Objekt seiner Begierde ein, vergewaltigt und erwürgt den besinnungslosen Jean.

DER VERFÜHRTE MANN(L’HOMME BLESSEÉ) ist ein ungeheuer gewalttätiger, obszöner Film, in dem Lust immer ein Fluch ist und Liebe nur erkauft oder verraten wird. Chéreau versteckt sich dabei hinter Henris Perspektive, verschleiert die Welt durch seltsame Rituale, die hier den Umgang der Menschen miteinander bestimmen. Angesichts ihrer starren Kälte entsteht eine unüberbrückbare Distanz eines jeden zum anderen. Chéreau bezahlt hierfür mit dem Verlust der Menschlichkeit.

Nur eine Figur entzieht sich diesem Liebesfriedhof: Elisabeth, die als einzige Henri zuhört und Jean aus der Wohnung wirft, als es ihr zu bunt wird. Elisabeth wird gespielt von der hinreißenden Lisa Kreuzer, aus deren Gesicht die ganze Trauer über den Zustand der bei Chéreau geschilderten Welt spricht.

(In München im wiedereröffneten Atelier, Sonnenstraße 12, das mit seinem Programmkonzept Anlaß zur Hoffnung gibt, daß es um die Kinokultur der
Zukunft vielleicht doch nicht so schlecht bestellt sein wird.)

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