17. August 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Die Traumtänzer

DIE TRAUMTÄNZER von Bill Forsyth

Gauner-Duo

Bill Forsyth geht fast nie ins Kino. Filme langweilen ihn. Tatsächlich sehen seine eigenen Geschichten so aus, als habe er sie auf dem Schrottplatz gefunden. Wie ein Lumpensammler liest er auf, was er findet, Gesten und Gefühle, Ansichten und Anekdoten, Absonderliches und Normales. Es gibt keine Hierarchie des Erzählens, alles ist gleich wichtig, nichts wird hervorgehoben. Seine Filme sind eine ständige Verweigerung. Sie wollen nicht Kino sein, sondern wie das Leben. Das macht sie so wunderlich.

Zwei Gauner brechen nachts zufällig in dasselbe Haus ein. Der eine will den Safe ausräumen, der andere ist mehr am Kühlschrank interessiert. Earl (Burt Reynolds) ist ein Profi und schon vierzig Jahre im Geschäft, Mike (Casey Siemaszko) ist ein Amateur und aus reinem Übermut unterwegs. Earl hält Mike für talentiert und lernt ihn an. Für ihn ist es an der Zeit, seine Kenntnisse und Erfahrungen weiterzugeben. Sie rauben einen Supermarkt, eine christliche Mission und einen Vergnügungspark aus. Am Ende ist Mike erwachsen: Learning by doing, das ist die Losung des Films.

Die meiste Zeit als Regisseur, sagt Forsyth, verbringe er damit, seinen Geschichten jede Sentimentalität auszutreiben. Das ist natürlich nur eine Finte. Weil gerade die störrische Vermeidung jeglichen Überschwangs die Sinne schärft für jede Art von Gemütsregung. Seine Geschichten wollen sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es gibt in ihnen keine Eklats, und die Konflikte werden nicht lautstark ausgetragen, sondern allenfalls trotzig ausgesessen. Wenn am Ende der junge Einbrecher eine lange Haftstrafe antreten muß, braucht man von seinem väterlichen Partner keine großen Opfer zu erwarten. Die beiden tun einander nur leid. Mehr nicht. Aber das ist dann schon sehr rührend, wenn der Alte, nachdem die Besuchszeit im Gefängnis vorbei ist, sagt: „Armer Junge“, und der Junge, während man ihn in die Zelle führt, zur selben Zeit laut denkt: „Armer alter Mann.“ Und Burt Reynolds nimmt sich genügend zurück, daß man das auch glaubt. Eine schöne Gelassenheit entwickelt der Star an der Seite seines jungen Partners.

Im Original heißt der Film BREAKING IN, bei uns schwachsinnigerweise DIE TRAUMTÄNZER. So leichtfüßig er auch wirken mag, so interessieren sich Bill Forsyth und sein Autor John Sayles doch eher für die Schwerkraft des Alltäglichen und den Charme des Faktischen. Der Witz entsteht dabei ganz beiläufig aus den Irrungen und Wirrungen der Normalität. Da besteht für den Schotten Forsyth kein Unterschied zwischen Glasgow und Portland im Nordwesten der USA. Er scheint jedoch besonderes Vergnügen daran zu finden, daß man in diesem Land vor allem auf Kredit lebt. Der arme Mike, der aus Sicherheitsgründen sein erbeutetes Geld nicht zeigen darf, hat irgendwann die Nase voll und legt sich einen goldenen Schlitten und eine Wohnung mit Panoramablick zu. Die Anzahlung dafür legt er in cash auf den Tisch. In dem erstaunten Blick der beiden Makler, wenn Mike aus seinen diversen Jackentaschen bündelweise das Geld holt, liegt auch Forsyths verständnisloses Schmunzeln über den american way of life. Er glaubt doch lieber an Barzahlung.

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