04. Oktober 1990 | Filmkritiken, Rezension | Step Across The Border

Ein Film von Nicolas Humbert und Werner Penzel

Kennen Sie die Schmetterlingsflügeltheorie, fragt Jonas Mekas zu Beginn. Die besagt, daß noch das leiseste Beben des Flügels eines Schmetterlings in China eine Auswirkung auf alles andere in der Welt hat. So verändert der Schmetterlingsflügel die Welt. Es hat also alles mit allem zu tun. Davon erzählt der Film. Er bringt Bilder und Töne zusammen und läßt sie ihre eigene Geschichte erzählen.

Der andere Blick

Der Schweizer Nicolas Humbert und der Deutsche. Werner Penzel sind Mitglieder der Verleihinitiative „Der andere Blick“, einer Selbsthilfeunternehmung junger Re¬gisseure, der auch Christian Wagner, Mathias Alary oder Uwe Janson angehören. Zwei Jahre lang haben sie den englischen Musiker Fred Frith begleitet. Ihr Film ist jedoch weniger ein Porträt als eine Improvisation zu den Klängen dieses Weltreisenden in Sachen Musik geworden. Auf sehr plastische und poetische Weise vermittelt STEP ACROSS THE BORDER etwas von den Absichten des sanften, verschmitzten Engländers, der Musik überall dort findet, wo er sie sucht.

Die Welt besteht für Fred Frith aus Klang. Immer wieder sieht man ihn auf der Suche nach neuen Tönen. Er zieht einen Faden durch die Saiten seiner E-Gitarre oder füllt Nüsse in Schälchen, die er dann auf ein anderes Saiteninstrument stellt. Er verwendet ausrangierte Bierfässer aus Weißblech oder den nächstgelegenen Einrichtungsgegenstand. Ständig probiert er, tastet sich vor oder hört zu. Mit ungläubigem Blick freut er sich über jede neue Entdeckung. Und wenn er diese Erfahrungen auch noch teilen kann, dann lacht er jedes Mal sein kurzes, vergnügt meckerndes Lachen. Diese erfrischende Lust und Neugier durchzieht den ganzen Film.

Humbert und Penzel gelingt eine Mischung aus Konzentration und Lebendigkeit, in der sich die verblüffendsten Zusammenhänge herstellen. Man sieht in der schönsten Sequenz hintereinander: einen Japaner im Konzert vor einer Batterie gigantischer Trommeln; ein Bewässerungssystem, das sich füllt und leert; eine Schar Krähen, die auffliegt; eine japanische Trommel-Werkstatt, in der das Holz bearbeitet, das Leder abgezogen und jeder Fleck, des Fells abgehorcht wird; einen jungen Schwarzen, der in einem U-Bahn-Tunnel trommelt; und eine Hand, die mit dem Hammer Pflastersteine festklopft. Es ist, als fände die Welt allerorten plötzlich zu dem Ton, der die Musik macht.

So wie Frith die Töne organisiert, bis Mu¬sik daraus wird, so ist im Film auch der Schnitt der Bilder angelegt. Der Blick löst sich dabei zeitweise völlig in Rhythmus auf, die Welt zerfällt in Formen und Bewegungen, in Muster, die sich wiederholen oder abwechseln. So nahe geht der Film an die Töne und Gegenstände heran, daß die schwarz-weiße Welt manchmal fast so ab¬strakt wirkt wie der gezeichnete Vorspann, in dem die Buchstaben des Titels und der Schauplätze ihren Tanz aufführen. Dann wieder scheinen sich die Töne Luft machen zu müssen. Und die Bilder schaffen ihnen zu diesem Zweck einen Raum. Die Art, wie der Film die Augen offenhält, erinnert an die Kurzfilme von Wenders. Es gibt darin dieselbe Hartnäckigkeit, der Welt so lange ins Gesicht zu sehen, bis sie selbst im Alier-gewöhnlichsten ihre Schönheit offenbart.

Wer es gerne noch etwas deutlicher hat: STEP ACROSS THE BORDER ist weder so spektakulär noch so spekulativ wie die Arbeiten Godfrey Reggios, KOYAANISQATSI und POWAQQATSI, aber er ist mindestens so eindringlich.

(In München im Arena.)

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