02. Oktober 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Komm und sieh das Paradies

Zwischen Geschichten und Geschichte

Alan Parkers Film KOMM UND SIEH DAS PARADIES

Issei, Nisei und Sansei, das sind die Bezeichnungen für Japaner, die in der ersten, zweiten und dritten Generation in Amerika leben. Was ihnen während des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist, gehört zu den schamhaft verdrängten Kapiteln der amerikanischen Geschichte. Die Deportation japanischer Amerikaner im Jahr 1942 folgte jenen Ausbrüchen von Hysterie nach Pearl Harbour, die in jedem Walfisch vor der Küste Kaliforniens ein japanisches U-Boot vermuteten.

Etwa 100 000 Menschen japanischer, italienischer und deutscher Herkunft wurden damals evakuiert und interniert. Und das, obwohl zwei Drittel der Japaner schon in Amerika geboren waren und außerdem Untersuchungen des State Departments bei ihnen eine geradezu außergewöhnliche Loyalität festgestellt hatten. Nicht einmal J. Edgar Hoovers FBI konnte Beweise für Spionage oder anderes illegales Verhalten bei den japanischen Amerikanern finden. Dennoch hielt man sie bis 1945 in den Lagern fest. Vor diesem Hintergrund spielt COME AND SEE THE PARADISE.

Vor Pearl Harbour

Eine Liebesgeschichte wird erzählt, die sich bewähren muß vor den Wirren der Deportation und gegen die Vorurteile zwischen den Rassen. Lily (Tamlyn Tomita), die Tochter eines japanischen Kinobesitzers in Los Angeles, und Jack (Dennis Quaid), der Vorführer und ehemaliger Gewerkschaftsaktivist, lernen sich 1936 kennen, nachdem Jack vor den militanten Machenschaften der Gewerkschaft aus New York geflohen war. Da Lilys Vater gegen die Verbindung ist, gehen die beiden nach Seattle, wo Jack in einer Fischfabrik arbeitet und Lily eine Tochter zur Welt bringt. Dort nimmt Jack seine gewerkschaftlichen Aktivitäten wieder auf und vernachlässigt dabei seine Familie, die zurück nach Los Angeles zieht. Es ist der Vorabend des japapischen Angriffs auf Pearl Harbour.

Mit großer Genauigkeit und atmosphärischem Geschick zeichnet Alan Parker den Weg der beiden nach. Sein Film spielt auf der Grenze, wo persönliche Schicksale und unpersönliche Geschichte aufeinandertreffen. Daraus ergibt sich allerdings eine oft unschlüssige Mischung aus Sentimentalität einerseits und Ungerührtheit andererseits. Parkers unleugbares Interesse fürs Thema, zu dem er das Drehbuch selbst recherchiert und geschrieben hat, und seine Faszination für die Funktionsweisen eines populären Kinos, das Ansprüche in Effekte umwandelt, stehen sich spürbar im Weg. Das heißt, es gibt packende Details und starke Momente, aber keine zwingende Geschichte. Parker behält nur insofern recht, als es kaum etwas weniger Schlüssiges gibt als die Geschichte selbst.

Als Rückblende versucht Parker zusammenzufassen, was sonst auseinanderzufallen droht. Lily erzählt ihrer Tochter auf dem Weg zum Bahnhof, wo sie den aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Jack abholen will, die Geschichte ihres einstigen Glücks und vom Unglück der Geschichte. Die Rückblende erfüllt jedoch ihren Zweck nicht, weil das Erzählte ganz anders organisiert ist. Nicht zu Unrecht will Parker viel mehr von seinen Recherchen zeigen, als sich durch eine Rückblende rechtfertigen läßt. Wenn Lilys Familie ins Lager kommt, hat Parker so viele fesselnde Kleinigkeiten parat, daß sie sich dem einmal gewählten Erzählrhythmus nicht mehr fügen. Mehr und mehr bekommt man den Eindruck, daß die ungewöhnlich lange Exposition nur dazu diente, die späteren Szenen von Wiedersehen und Trennung emotional aufzuladen.

Aber KOMM UND SIEH DAS PARADIES zeichnet eine Neugier aus, die die beiden Vorgänger nicht besaßen. Alan Parker ist diesmal viel eher bereit, sich von seiner Ge-schichte überraschen zu lassen. Und es gibt eine Szene, als all der persönliche Schrek-ken fast vorüber ist, wo Lily am Familientisch sitzt und alle schweigen und sie tonlos erzählt, daß am 6. August über Hiroshima eine Atombombe abgeworfen wurde. Und während sie das ihrer Tochter schildert, laufen ihr die gleichen Tränen übers Gesicht wie einst. Da zeigt der Film etwas von der Kraft der Fiktionen, die ihn ursprünglich in Gang gebracht hatte.

Alan Parkers Ausgangspunkt war nämlich das Bild eines alten Japaners und sei¬ner zwei Enkel, das die Photographin Dorothea Lange kurz vor der Deportation der drei aufgenommen hatte. Die Geschichte und Geschichten, die sich hinter diesem Photo und seinen Gesichtern verstecken, wollte Alan Parker erzählen. Dazu hatte er es in alle Büros der Produktion und an seinen Badezimmerspiegel geheftet. Und eines Tages, erzählt Parker in den Produktionsnotizen, sei beim Probelesen in Portland eine der Anwärterinnen auf eine kleine Rolle zu ihm gekommen und habe ihm ein Photo gezeigt, das ihren Vater, Onkel und Urgroßvater zeigte. Es war genau dasselbe Photo: „Erneut wurde ich daran erin¬nert, daß wir es nicht mit Fiktion zu tun hatten, sondern mit dem wirklichen Leben von Menschen. Dieses Erlebnis berührte uns sehr.“ Das kann man seinem Film manchmal ansehen.

(In München im Arri, Karlstor und den Museums-Lichtspielen.)

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