20. August 1993 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Sliver

SLIVERvon Philip Noyce

Dr. Mabuses impotenter Enkel

You like to watch, don’t you? So geht der Sirenengesang des Kinos, so will es uns verführen. Wenn es überhaupt einen Satz gibt, der als Motto fürs Kino herhalten könnte, dann dieser Plakatspruch zu SLIVER: Sie schauen doch auch gerne zu…oder?

Alles an diesem Film ist augenzwinkernde Verlockung, schimmernde Oberfläche und verführerisches Flackern. Die Kamera von Vilmos Zsigmond gleitet genüßlich durch die weiten Interieurs, um sich dann doch immer wieder an den bläulich flimmernden Monitoren festzusehen, auf denen der Besitzer heimlich alle Räume seines Hochhauses überblickt. Elektronischer Schein erfüllt den Kontrollraum mit einer Aura, der sich die Kamera nicht entziehen kam. Ihre Bewegungsfreiheit opfert sie dort, ihr Auflösungsvermögen und ihre Farbigkeit. Wie ein Opferaltar wirkt deshalb auch die Bildschirmkonsole in dem dunklen Raum jenes 13. Stocks, den der Aberglaube den meisten amerikanischen Gebäuden ausgetrieben hat.

Eine Lektorin (Sharon Stone) bezieht nach ihrer Scheidung ein Apartment in einem Hochhaus in Manhattan, das wie ein Keil zwischen die anderen Gebäude getrieben wurde. Daher auch der Titel SLIVER ein Gebäude-Splitter. Wie eine Erektion steht der Apartmentturm in seiner Umgebung, ein onanistisches Traumgebilde.

Zeke (William Baldwin), der sein Erbe in dieser Selbstbefriedigungsmaschine angelegt hat, nähert sich der neuen Mieterin erst, nachdem er ihre Wünsche und Sehnsüchte kennt. So hat er bei der Verführung ein leichtes Spiel. Aber gleichzeitig geht ihr alles ab, was daraus ein Abenteuer macht: Annäherung, Unsicherheit, Geheimnis.

Nicht mehr Neugier treibt diesen Voyeur an, sondern nur noch die Gier, das, was er sieht, auch zu besitzen. Andererseits ist der Regisseur Philip Noyce klug genug, diese Konstruktion nicht einfach als Perversion abzutun. Als die Lektorin, die selbst manchmal mit einem Teleskop die Nachbarn beobachtet, ins Geheimnis des dunklen Zimmers eingeführt wird, kann sie ihrem Entsetzen zum Trotz den Blick nicht abwenden. Wie eine Droge sind die Einblicke in fremde Leben, und natürlich wird sie selbst süchtig danach: Sie schauen doch auch gerne zu…oder?

Ira Levins Idee macht den Film durchaus sehenswert, aber die Filmemacher entwickeln kein Gefühl für die Möglichkeiten, die dem Kino innewohnen. Wo FENSTER ZUM HOF davon erzählte, wie die Erfüllung der Schaulust mit der Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen zusammenfällt, da hat hier die Zuspitzung der Geschichte nichts mehr mit ihrem Anlaß zu tun. Und wo Brian De Palma sich in BODY DOUBLE die Tatsache zunutze macht, daß der Voyeur vor allem das sieht, was er sehen will, da decken sich hier die Bilder ganz einfach mit den Vorstellungen der Voyeure. Das Kino ist ein Schlüsselloch zur Welt, und manchmal finden Filme die Schlüssel, um die Türe aufzusperren. In SLIVER bleibt die Tür zu.

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