03. Januar 1994 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Short Cuts

Schleichwege des Herzens

SHORT CUTS – Robert Altmans Szenen aus den Niederungen des amerikanischen Alltags

Hubschrauber erheben sich über die Stadt. Wie Boten einer fremden Macht schwärmen sie aus und werfen tonnenweise Insektizide über Los Angeles ab. Der giftige Tau regnet auf Menschen und Tiere, Häuser und Gärten, Straßen und Pools, aber das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen.

Tatsächlich gehörte diese Art der Schädlingsbekämpfung zum ganz normalen Wahnsinn der kalifornischen Metropole, ehe Bürgerproteste unlängst den Abbruch dieser Maßnahmen forderten. Denn das Mittel Melathion, das die Obstplantagen vor einer eingeschleppten Fliegenart schützen sollte, geriet in den Verdacht, beim Menschen Krebs zu erregen. Für den furiosen Anfang von Altmans SHORT CUTS wird es noch ein letztes Mal von den Hubschraubern über die Stadt hinausgetragen, als sollte von Anfang an das Klima des Films vergiftet werden.

Dies ist kein Film über Umweltvergiftung, sondern eher einer über die schleichende Betäubung der Gefühle. Die Hubschrauberbilder bleiben dabei aus zweierlei Gründen im Gedächtnis haften. Zum einen prägen die giftigen Schwaden von Beginn an den Eindruck einer irgendwie ungesunden Atmosphäre. Und zum anderen scheint der Regisseur die Vogelperspektive nie wirklich zu verlassen. Neugierig, wachsam und mitleidslos wie ein Insektenforscher beobachtet er das Treiben seiner Figuren, und so sieht er sich auch selbst: „Wenn wir uns nur weit genug über unseren Alltag erheben und auf die Erde hinabschauen, sehen wir die Menschen wie kleine Ameisen auf ihrer Straße. Und selbst wenn sie im Zickzack verläuft, bleiben die Ameisen doch schön in einer Reihe. Von Zeit zu Zeit bricht eine ein Stück weit aus – das ist dann Einstein. Und schert sie zu weit aus, dann wird sie – platsch! – totgetreten.“

22 Schicksale, die allenfalls an den Rändern zusammenhängen, verknüpft Robert Altman in 189 Minuten zu einem Erzählteppich ohne Anfang und Ende. Man könnte den Faden an jeder beliebigen Stelle aufnehmen und würde von einem Leben ins nächste gelangen.

Man könnte anfangen bei den Eltern (Bruce Davison und Andie MacDowell), deren Sohn nach einem Verkehrsunfall im Sterben liegt. Man käme von dort zu der Frau (Lily Tomlin), die ihn angefahren hat, und ihrem trinkfreudigen Mann (Tom Waits), der als Chauffeur arbeitet; oder zu dem Mann (Chris Penn), der ihren Pool säubert, und seiner Frau (Jennifer Jason Leigh), die mit Telefonsex die Haushaltskasse aufbessert; oder zu dem Bäcker (Lyle Lovett), der sie wegen einer nicht abgeholten Geburtstagstorte terrorisiert; oder zu dem Chirurgen (Matthew Modine), der den Sohn operiert, und seiner malenden Frau (Julianne Moore), die unter seiner krankhaften Eifersucht leidet; und von dort zu deren Schwester (Madeleine Stowe), die einen Polizisten (Tim Robbins) zum Mann hat, der wiederum eine Frau anmacht (Anne Archer), die als Clown arbeitet und dabei im Krankenhaus dem Vater (Jack Lemmon) des Mannes über den Weg läuft, dessen Sohn stirbt. Man sieht: Das Netz ist fein gesponnen, so fein, daß sich darin mitunter das verfängt, was man Leben nennt.

„Ich habe im Flugzeug zwischen Paris und Los Angeles Storys von Raymond Carver gelesen“, erzählt Altman, „sozusagen in Gefangenschaft. Zehn Stunden lang hatte ich nichts anderes. Ich las eine Geschichte, ließ mir was zu trinken kommen, las wieder eine; dann gab es was zum Essen, danach las ich eine weitere Geschichte. Zwischendurch schlief ich auch mal ein. Ich erinnere mich genau an den Augenblick, als ich in Los Angeles ankam und die Gangway hinunterging, und ich dachte: Das ist der Film!“

In diesem Auf- und Abtauchen zwischen Lesen, Träumen und Verdauen hat Altman acht Kurzgeschichten und ein Gedicht des 1988 an Lungenkrebs gestorbenen Schriftstellers zu einem Film versponnen. „Carver-Suppe“ nennt Altman selber das Ergebnis. Tatsächlich ist aus SHORT CUTS jener Roman geworden, den Carver selbst nie geschrieben hat. Der Autor selbst hatte dafür eine ziemlich einleuchtende Begründung: „Als ich heiratete, war ich 18. Mit 20 hatte ich bereits zwei Kinder. Das war kein leichtes Leben. Ich hielt mich mit allem möglichen über Wasser: Nachtwächter, Tellerwäscher, Tulpenpflücker. Hin und wieder blieb mir ein bißchen Zeit, um auf dem Küchentisch oder in der Garage zu schreiben. Wenn mir die Kinder auf die Nerven gingen, setzte ich mich sogar ins Auto und schrieb in einen Notizblock auf meinen Knien. Vielleicht erklärt das, warum ich nur Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben habe. Lauter Sachen eben, die man in der Kürze der Zeit hinkriegen konnte. Mein Leben war einfach zu ungewiß und zeitraubend, um sich auf so etwas langes wie einen Roman einlassen zu können.“

Carver schrieb über das, was er sah, und über Leute, die er kannte. Und auch wenn er im Gegensatz zu Altman nie deren Blickwinkel verließ, so ähnelt er dem Filmemacher doch in seiner Art, noch die sonderbarsten Vorkommnisse mit sozusagen unbewegter Miene zu schildern. Beide erzählen, wie das Leben so spielt.

Das Fatale vermischt sich mit dem Banalen, das Zwanghafte mit dem Zwangsläufigen. So finden die beiden im Ödland des Erzählens, wo sich das Leben kaum je zum Erzählbaren verdichtet, jede Menge Berichtenswertes.

Carver selbst hatte daran nie gezweifelt. Es regte ihn geradezu auf, wenn er lesen mußte, er habe den Hoffnungslosen am Rande der amerikanischen Gesellschaft eine Stimme verliehen: „Ihr Leben ist es genauso wert, erzählt zu werden, wie jedes andere. Das sind Leute, die ich respektiere. Sie versuchen ihr Bestes, aber oft genügt das einfach nicht. Und manchmal nimmt das alles kein gutes Ende – und genau darüber schreibe ich.“

Carver war Alkoholiker. 1977 hörte er mit dem Trinken auf und lernte ein Jahr später bei einem Schriftstellertreffen in El Paso seine Kollegin Tess Gallegher kennen. „Du hattest eine Menge Pech, nicht wahr?“, soll sie damals zu ihm gesagt haben: „Das wird sich ändern müssen, wenn du mit mir zusammensein willst.“

Es änderte sich. Raymond Carver hatte einen hohen Preis gezahlt, jetzt kam der Lohn. In den achtzigern erschienen seine Kurzgeschichtensammlungen „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, „Kathedrale“ und „Warum tanzt ihr nicht“ (auf deutsch alle bei Piper). Ein Band nach dem anderen, als ahnte er, daß ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde.

Altman hat Carver mit „Short Cuts“ seinen Respekt erwiesen und doch einen ganz eigenen Film daraus gemacht. Auch wenn er zusammen mit THE PLAYER ein großes Diptychon über die Stadt Los Angeles bildet, so ist es doch eher eine Bestandsaufnahme des modernen Lebens überhaupt. In diesem Sinne ist der Titel durchaus mehrdeutig. Denn es geht nicht nur um die Abkürzungen, die Altman zwischen Carvers Erzählungen nimmt, sondern vor allem um die Schleichwege des Herzens – all die Abkürzungen, mit denen der Mensch um seine wahren Gefühle herumzukommen versucht, und darum, sich auf sein Gegenüber wirklich einzulassen.

Altman meint dazu nur: „Ich will kein Urteil über die Menschen fällen, obwohl ich weiß, daß ich das dennoch tue. Ich will nicht moralisieren, denn ich habe auch gar nichts zu sagen. Ich hatte schon meinen Kindern nichts zu sagen, geschweige denn meinen Enkelkindern. Ich habe keine wichtigen Informationen weiterzugeben.“ Wenn man jedoch Altmans und Carvers Karriere ansieht, dann hat SHORT CUTS doch eine Botschaft: Manchmal führen auch Umwege zum Ziel.

SHORT CUTS – Paare, Problemkinder, Psychopathen: In SHORT CUTS treten 22 Hauptfiguren auf, deren Alltagsschicksale Robert Altman zu einem filmischen Patchwork wie in NASHVILLE (1975) verarbeitet. Szenen aus der Einsamkeit der amerikanischen Vorstädte – mal zynisch, mal witzig, mal elegisch.

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