27. Juni 1992 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Schuld und Sühne

Helsinki kann sehr kalt sein

SCHULD UND SÜHNE und andere Filme von Aki Kaurismäki

Sie lachen nicht, sie weinen nicht. Aber vielleicht träumen sie. Man kann den Helden von Aki Kaurismäki nicht ansehen, was sie bewegt. Ungerührt geben sie sich dem Lauf der Zeit hin, Amokläufer des eigenen Schicksals. Sie nehmen Rattengift, heuern Auftragskiller an oder greifen wie in Schuld und Sühne selbst zur Waffe. Hoffnung gibt es für sie keine, aber vielleicht Gnade.

Der Held beobachtet einen Mann, folgt ihm in sein Haus, klingelt und erschießt ihn. Später wird der Mörder sagen, der Mann habe unter Alkoholeinfluß einen Autounfall verursacht, bei dem seine Verlobte ums Leben gekommen ist. Weil das Gericht den Mann freigesprochen hat, habe er ihn selbst richten müssen. Er habe wohl seine Verlobte sehr geliebt, meint da sein Gegenüber. Überhaupt nicht, antwortet der Rächer. Verachtung war es also, Weltekel vielleicht, ein Versuch jedenfalls, dem Leben – und dem Tod – mit der Tat einen Sinn zu verleihen. Aber nicht einmal das gelingt. Mit seiner Tat weiß er nichts anzufangen.

In einer Fleischfabrik beginnt Kaurismäkis Erstling, mit einem Blick in eine kalte Hölle, wo der Tod so nah und doch so fern ist. Im Grunde fühlen sich die Helden des Finnen wie Rinderhälften, die leblos den Weg allen Fleisches gehen. In dieser Welt ohne Mitleid besitzt der Tod keinen Schrecken mehr und das Leben keine Hoffnung. Es kann allerdings sein, daß eine Frau auftaucht, die die Helden aus ihrer Hölle erlöst.

Ein kühles Licht liegt auf der Welt, das für klare Farben sorgt. Man darf den Beitrag des ständigen Kameramanns Timo Salminen zu Kaurismäkis Kosmos nicht unterschätzen. Eine Ruhe der Bildfindung und -gestaltung geht von ihm aus, in der sich der Regisseur mit seinem trockenen Witz frei bewegen kann. Bei ihm ist eine Rose eine Rose – wozu inmitten der Trostlosigkeit schon eine gewisse Größe gehört.

Eine Frau hat den Mörder überrascht, aber sie verrät ihn nicht. Gebannt und fassungslos begegnet sie dem Mann, teils aus mädchenhafter Neugier, teils aus ängstlicher Lähmung. Die beiden kommen sich näher, aber riskieren wollen sie dabei nichts.

Sie sehen sich bei der Liebe zu, zwei Fremde, die sich aneinander klammern. Je undurchsichtiger ihre Beweggründe sind, desto deutlicher werden die einzelnen Regungen sichtbar. Wenn sich der Mörder dann am Ende stellt, besitzt das eine Größe, die nur noch von der Geste der Frau übertroffen wird. Und dabei zitiert Kaurismäki seine Vorbilder Dostojewski und Bresson nicht, sondern macht sich einfach einen Reim auf sie.

(In München läuft Schuld und Sühne zusammen mit den anderen Filmen Kaurismäkis während des Filmfests im Arena.)

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