15. November 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ruben, Ruben

Der Landneurotiker

Robert Ellis Millers Tragikkomödie RUBEN, RUBEN

Ob es ihn denn nicht störe, daß er als Frauenheld genauso bekannt sei wie als Dichter, wird Gowan McGland gefragt. Worauf er antwortet: „Nein, nur daß beides nicht besonders gut bezahlt ist.“ In der Tat hat der Dichter keinerlei Probleme mit der Unvereinbarkeit von Kunst und Leben – im Zweifelsfall immer fürs Leben. Denn erstens wehrt sich sein Körper, so sagt er, mit jeder Faser gegen ein geregeltes Arbeitsleben, und zweitens stört ihn beim Schreiben der ständige Papierkrieg.

So fristet er also sein Leben als Vortragsreisender durch die literarischen Frauenzirkel der betuchteren neuenglischen Provinz, wo er noch vom literarischen Ruhm der frühen Jahre zehren kann. Er spielt in diesen Kreisen den Aushängepoeten, das Renommiergenie, und dabei fällt für ihn allemal ein gutes Abendessen oder eine unbefriedigte Ehefrau ab. So ein Leben läßt sich für ihn nur mit ein wenig Größenwahn, viel Humor und noch mehr Bourbon ertragen. In dem Ostküstenort Woodsmoke ist das nicht anders. Weil wir uns aber in einer Komödie befinden, geschieht Unvorhergesehenes: McGland verliebt sich allen Ernstes in die 15 Jahre jüngere College-Studentin Geneva (bezaubernd: Kelly McGillis), die Apotheose des WASP (White, Anglo, Saxon, Protestant)-Mädchens.

Robert Ellis Millers ungeheuer komischer Film verdankt eine Menge seinem Drehbuch. Das stammt von dem mittlerweile 76jährigen Profi Julius J. Epstein, der bereits für CASABLANCA und ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN verantwortlich war. Er beherrscht die altbewährten Funktionsweisen der Komödie mit traumwandlerischer Sicherheit. Während die Dialoge von Woody Allen diktiert sein könnten, vertraut die Inszenierung auf das Prinzip der Doppelung:

Nach Einladungen geht McGland unter dem Vorwand, er habe seine Zigaretten vergessen, jedesmal zurück ins Lokal und nimmt das liegengelassene Trinkgeld vom Tisch. Als ihn seine Begleiterin einmal nach einem Restaurantbesuch fragt, ob er lieber zu Fuß gehen oder ein Taxi nehmen wolle, plädiert er fürs Taxi und geht zurück ins Lokal. Man ahnt, was kommt, sieht aber durchs Fenster, daß der Kellner gerade das Trinkgeld einsteckt. Worauf McGland zurückkommt und erklärt, er gehe doch lieber zu Fuß. Wiederholung, Wiedererkennen, Abweichung: ein doppeltes Lachen. Das funktioniert im zeitlichen Nacheinander, aber auch im Nebeneinander, wo sich Bild und Ton widersprechen.

Epstein und Miller haben mit Erfolg beherzigt, daß die Komödie wie kein anderes Genre von der Vorausberechnung der Reaktionen des Zuschauers abhängt: Was erwartet er? Wohin blickt er? Entscheidenden Anteil am Gelingen hat nicht zuletzt der Darsteller des McGland, Tom Conti, den mancher vielleicht noch als Verbindungsoffizier aus FURYO kennt. Conti hat ein komödiantisches Talent wie sonst vielleicht nur Dudley Moore, wobei sein Spiel weniger auf den Bauch als aufs Herz abzielt. Er trifft den Lebenskünstler, der kein Künstler mehr sein kann, den Dauerbetrunkenen mit einer Genauigkeit, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. In seinem Gesicht kann man verfolgen, wie manchmal die übermächtige Realität durch seinen Alkoholschleier dringt, wie die unverhoffte Liebe ihn innerlich umwirft. Er vereint das Tragische mit dem Komischen, aber er versöhnt es nicht; das ist der Bruch in seiner Persönlichkeit. Hier seine Oden an die Liebe und sein Humor, dort seine Unfähigkeit, das umzusetzen, sich Entscheidungen zu stellen. Seine Zuwendung zum „Leben“ funktioniert nur so lange, wie er keine Verantwortung übernehmen muß. Und wenn dann am Schluß die schwangere Geneva alleingelassen im neuenglischen Herbst sitzt, da ist das ganz schön schrecklich.

Am Ende hat man sich eineinhalb Stunden in Woodsmoke zu Hause gefühlt, und das ist ja fast das Beste, was einem im Kino passieren kann. Von dem seltsamen Titel RUBEN, RUBEN sollte sich niemand abschrecken lassen. Ruben ist lediglich der Name eines zotteligen Hundes, der am Schluß daran schuld ist, daß aus McGlands Biographie vollends die Tragödie eines lächerlichen Mannes wird.

(In München im Arena und Rottmann.)

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