27. März 1995 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Prêt-á-porter

Im Fegefeuer der Eitelkeiten

Eine Verheißung – eine Enttäuschung: In der Modesatire PRÊT-Á-PORTER zappelt Robert Altman an den Fäden, die er gesponnen hat

Wer glaubt, man könne hier einen Blick hinter die Kulissen der Modebranche werfen, kommt kaum auf seine Kosten. Robert Altman zeigt nichts, was man sich nicht genauso vorgestellt hätte. Auf seinem Jahrmarkt gibt es nicht eine Figur, die außer Eitelkeiten irgend etwas zu bieten hätte. Das ist auf den ersten Blick – vor allem bei dieser Besetzung – reichlich wenig.

Andererseits wäre es aber naiv zu glauben, ein Film über Mode müsse uneitel sein. Altmans Methode bestand schon immer darin, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Es ging ihm nie darum, der Welt die Maske vom Gesicht zu reißen, sondern darum, die Maske so lange zu zeigen, bis jeder ihre Fratze sehen konnte. Das ist in PRÊT-À-PORTER nicht anders. Er treibt die Eitelkeit auf die Spitze, indem er sich die Methoden der Branche zu eigen macht. Also geht es nicht um Gefühle, sondern um Gesichter. Und wir kriegen nicht die nackte Wahrheit zu Gesicht, sondern nur das, was sie verhüllt.

Sein Film ist fast eine Art Schauspielerlexikon: Danny Aiello, Anouk Aimée, Lauren Bacall, Kim Basinger, Michel Blanc, Jean-Pierre Cassel, Rupert Everett, Teri Garr, Linda Hunt, Sally Kellerman, Ute Lemper, Sophia Loren, Lyle Lovett, Marcello Mastroianni, Stephen Rea, Tim Robbins, Julia Roberts, Jean Rochefort, Lili Taylor, Tracey Ullman, Forest Whitaker; dazu Harry Belafonte, Paolo Bulgari, Cher, Helena Christensen, Claude Montana, Thierry Mugler, Tatjana Patitz, Sonia Rykiel und Nicola Trussardi, die sich selbst spielen. In jeder Einstellung gibt es ein neues Wiedersehen, aber sehr viel mehr passiert nicht. Altman fährt so viele Stars auf, daß sie am Ende nur noch Staffage sind. Er betreibt, was auch die Branche am liebsten macht: Name-dropping.

Das war schon immer seine Spezialität: Stück für Stück den Film wie ein Puzzle zum großen Panorama zusammenfügen. 100 Fäden gleichzeitig in der Hand zu halten, die kreuz und quer laufen, ohne sich zu verwirren. Diesmal gibt es jedoch im Grunde nur einen roten Faden: die Ermittlungen in einem Mordfall. Und nicht einmal der ist das, was er für die Polizei auf den ersten Blick zu sein scheint: Der Tote ist lediglich an einem Sandwich erstickt.

Was Altman von der fadenscheinigen Modebranche hält, zeigt er, indem er immer wieder Leute in Hundescheiße treten läßt. Das ist eine reichlich derbe Methode, aber Subtilität war noch nie Altmans Stärke. Seine Losung hieß stets: Kein Erbarmen mit den Menschen – sie vertragen die Wahrheit.

Das große Meisterwerk, wie viele es nach SHORT CUTS erwartet hatten, ist PRÊT-À-PORTER nicht geworden. Zu sehr ähneln sich die Geschichten, zu selten riskiert Robert Altman einen Blick zur Seite. „Kleider machen Leute“, sagt man. Aber hier geht es nicht um Leute, sondern um Marionetten.

Letztlich ist der Regisseur nichts anderes: Altman zappelt an den Fäden, die er selbst gesponnen hat. Das kommt davon, wenn man einer Branche den Spiegel vorhält, die selbst nichts lieber tut, als dauernd in den Spiegel zu sehen.

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