10. Mai 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Place Vendôme

Fünf im roten Kreis

Diamonds are a girl’s best friend: Nicole Garcias Film PLACE VENDÔME

Selbst das Verbrechen hat in Frankreich eine besondere Note. Nicht unbedingt, weil es dort als schöne Kunst betrieben würde, sondern eher wegen der Diskretion, mit der es begangen wird. Wenn im amerikanischen Kino ein Coup gelingt, dann gehen die Täter voll und ganz in der Action auf. Im französischen Kino hingegen hat man eher den Eindruck, das Verbrechen gehöre zur selben Art verfeinerten Zeitvertreibs wie das Trinken großer Weine, das Lesen guter Bücher oder das Bewundern schöner Frauen. Zumindest war das so, als sich Schauspieler wie Gabin, Hosseïn, Delon, Belmondo oder Regisseure wie Melville, Corneau, Giovanni, Chabrol des Verbrechens annahmen. An diesen diskreten Charme der Kriminologie fühlt man sich beim dritten Spielfilm der Schauspielerin Nicole Garcia jedenfalls erinnert.

Dabei kommt in PLACE VENDÔME erstmal gar kein Verbrechen vor – zumindest ist nicht so recht auszumachen, worin es eigentlich bestehen könnte. Es geht, so viel ist klar, um Juweliere und um den Handel mit gestohlenen Diamanten. Da gibt es die Diamantenbörse in Antwerpen und die Großhändler in London, ein russisches Kartell und einige freie Agenten – und im Schnittpunkt dieser Verstrickungen und Abhängigkeiten scheint der Pariser Place Vendôme zu liegen, wo alle renommierten Juweliere ihr Geschäft haben. Dort liegt zum Beispiel auch der Juwelier „Van Cleef & Arpels”, dessen Tresor die Gangster in Jean-Pierre Melvilles VIER IM ROTEN KREIS ausräumen. Der Place Vendôme ist also nicht nur eine reale Adresse – auch die Phantome des Kinos haben dort schon einen Platz gefunden.

Nicole Garcia hat hier den fiktiven Juwelierladen Malivert angesiedelt, der in Schwierigkeiten steckt. Man hat offenbar mit Diamanten unklarer Herkunft gehandelt, und das gilt in dieser Branche als eine Todsünde, die lebenslangen Bann von allen Börsen nach sich zieht. Einen klaren Verstoß kann man Malivert (Bernard Fresson) zwar noch nicht nachweisen, aber von den Kollegen wird er vorsorglich schon mal gemieden. Monsieur ist also unter Druck, und Madame Malivert (Catherine Deneuve) ist auch keine große Hilfe, weil sie die meiste Zeit in einem Sanatorium verbringt, um von ihrer Alkoholsucht loszukommen. Als ihr Mann in den Tod rast, steht sie vor dem Nichts: Sie hat nicht einmal mehr einen Ruf zu verlieren. Ihr Schwager drängt sie, das Geschäft möglichst schnell zu verkaufen, aber sie hat noch einen allerletzten Trumpf: ein paar dubiose Steine, die ihr Mann vor seinem Tod beiseite geschafft hat und die aber auf legalem Wege nicht loszukriegen sind.

Es ist nicht so, daß der Film diesen Verwicklungen allzu große Aufmerksamkeit schenken würde, aber sie sind doch wichtig genug, um den Bildern einen doppelten Boden zu verleihen. Die Regisseurin behält stets die Fäden in der Hand und gibt nie alle Informationen preis, die man bräuchte, um die Geschichte ganz zu durchschauen: Wo stammen die Diamanten her? Was hat es mit dem Mann auf sich, der den ehemaligen Geliebten (Jean-Pierre Bacri) einer der Verkäuferinnen unter Druck setzt? Was führt der jetztige Geliebte (Jacques Dutronc) der Dame im Schilde? Und vor allem: Wie konnte es mit einer schönen Frau wie Madame Malivert jemals so weit kommen? Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, daß am Ende tatsächlich alles mit allem zusammenhängt – als stünden die Figuren in jenem unsichtbaren roten Kreis, der auch bei Melville die Schicksale eint.

Daß sich Nicole Garcia so viel Zeit läßt, ihre Intrige auszuspinnen, hängt natürlich damit zusammen, daß ihr Interesse weniger den Wendungen des Plots gilt als den Bewegungen der Gesichter. Und selbstverständlich ist der Blickfang Catherine Deneuve, die in Venedig für diese Rolle einen Goldenen Löwen gewann und hier wieder beweist, daß sie viel robuster und vielseitiger ist, als man sie in Erinnerung hat. Ihre Schönheit ist ganz und gar von dieser Welt, und man sieht ihr an, daß sie eine Frau ist, die selbst da, wo sie aus der Rolle fällt, stets darauf bedacht ist, nicht die Facon zu verlieren. Und vielleicht ist der geschickteste Schachzug der Regisseurin, der Deneuve in Gestalt von Emmanuelle Seignier ein jüngeres Spiegelbild vorzuhalten, in dem sie sich erkennen kann – so ehrgeizig, schön und blind war sie einst auch.

Nicht daß die Ähnlichkeit zwischen den beiden Schauspielerinnen wirklich frappierend wäre – sie ist eigentlich eher eine Behauptung -, aber in der Art und Weise, wie die Parallelen in beider Schicksal betont werden, gewinnt der Film eine enorme Fallhöhe. In der jungen Verkäuferin scheint sich die Geschichte der Deneuve zu wiederholen: Intelligenz und Schönheit gepaart mit dem Ehrgeiz, auf der richtigen Seite des Lebens aufzuwachen. Was die ältere erlebt hat, scheint der jüngeren bevorzustehen: Daß das alles nichts hilft, weil man das Herz nicht auf Dauer überlisten kann. So daß man plötzlich, obwohl man alles richtig gemacht hat, zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Und genau das ist die Geschichte, die der Film in Wirklichkeit erzählt: Wie die Frauen, die ihrem Leben den perfekten Schliff von Diamanten verleihen wollen, vom Chaos der Gefühle aus der Bahn geworfen werden. Einmal spielt sie sich vor und einmal hinter dem Spiegel ab. In den Brechungen, Doppelungen und Überlagerungen liegt die irritierende Kraft dieses Films.

PLACE VENDÔME, F 1998 – Regie: Nicole Garcia. Buch: Garcia, Jacques Fieschi. Kamera: Laurent Dailland. Musik: Richard Robbins. Mit Catherine Deneuve, Emmanuelle Seignier, Jean-Pierre Bacri, Jacques Dutronc, Bernard Fresson. Advanced. 117 Minuten.

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