05. Dezember 1988 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Mr. North

Gymnasiasten & Cineasten

MR. NORTH, ein Film von John Hustons Sohn Danny

War es Schicksal oder Zufall, weswegen ein paar Menschen mit der Brücke von San Louis Rey in die Tiefe stürzten? Fragen über Fragen stellt uns Thornton Wilders Werk, Fragen, die vor allem Gymnasiallehrer glücklich machen. Denn bei Thornton Wilder darf diskutiert werden. Da freut sich der Leistungskurs Englisch. Auch die Verfilmung von Wilders letztem Roman „Theophilus North“ hat beste Aussichten, als Lehrmittel an bayerischen Schulen zugelassen zu werden, versehen mit dem Prädikat „didaktisch besonders wertvoll“.

MR. NORTH erzählt von einem jungen Mann, der Wunder wie Placebos verabreicht, und davon, daß alle Menschen gleich sein sollten. Ein Film also für Primaner und solche, die es werden wollen. Wir gehen ins Kino, dafür fällt die 6. Stunde aus. Prima! Das Kino als fliegendes Klassenzimmer.

Johns Sohn Danny Huston hat die Geschichte vom jungen Wunderheiler wider Willen so inszeniert, daß jede Studienrätin ihre Freude daran hat Dieses Talent hat er voll und ganz von seinem Vater geerbt. Die Bemühtheit der Vorlage hat Danny Huston allerdings vergleichsweise entspannt in Szene gesetzt. In dem Millionärsnest Newport auf Rhode Island herrscht im Jahr 1926 eine gewisse gediegene Heiterkeit durch die ein paar kleinere und größere Berühmtheiten des Kinos gelassen lustwandeln. Ein wächserner Robert Mitchum, eine spritzige Lauren Bacall und eine etwas monströse Anjelica Huston. Dazu: David Warner, der so brillant verklemmt spielt, wie Leute in weißen Sommeranzügen eben wirken; Harry Dean Stanton, der seinen plötzlichen Ruf als seriöser Schauspieler in vollen Zügen genießt; Mary Stuart Masterson, die so niedlich ist wie eh und je; und Anthony Edwards als Allerweltsheld im Stil von Tim und Struppi.

Die Filmgeschichte als Sommergesellschaft. Prima! Da freut sich der Cineast. Und schwänzt die anschließende Diskussion.

(In München im Isabella und Royal).

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