30. März 1992 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Das Leben der Boheme

Pantoffeln, Forellen und andere Kleinigkeiten

Aki Kaurismäkis surrealistischer Film über DAS LEBEN DER BOHÈME

Für den besorgten Leser, für den erschrockenen Bürger, für alle jene, die niemals genügend Pünktchen auf dem i einer Definition finden könnten, für die geneigten Leser seines Romans also wiederholte es Henry Murger ein für alle mal: „Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zum Leichenschauhaus.“

Damit konnte Aki Kaurismäki leben, darin haben seine Figuren eine Heimat gefunden: Hamlet und die Leningrad Cowboys, das Mädchen aus der Streichholzfabrik und der Mann, der seinen Mörder angeheuert hat. Sie führen ein Leben am Rande, ein Leben, das man als Vorstufe begreifen muß, wenn man es nicht als Endstufe sehen will. Es gibt also eine Hoffnung, die aus der Verzweiflung geboren wird: Es ist also noch nicht aller Tage Abend. Aber manchmal sieht es ganz so aus.

Vor fünfzehn Jahren hat der finnische Regisseur das Buch gelesen und seither von einem Film zum höheren Ruhm des 1861 verstorbenen Autors geträumt. Dem Geist der Vorlage hat er natürlich auch schon vor der Verwirklichung nachgespürt. Der Stoizismus der Lächerlichkeit, den Murger der Boheme bescheinigte, wurde zum generellen Gemütszustand von Kaurismäkis Helden. Sie scheren sich nicht um die Figur, die sie abgeben. Das erst macht sie zu wirklichen Figuren. Ihre stumpfsinnigen Minen sind dabei nur eine Maske, hinter der sie warten, bis der Schmerz vorübergeht. Im Grunde sind sie die stolzesten Kinohelden unserer Tage. Sie wissen es nur nicht.

Mit einem Blick über die Dächer von Paris beginnt der Film. Das ist Kaurismäki seinen Helden schuldig. Er wählt diese Einstellung, die man aus französischen Filmen der Dreißiger Jahre kennt, obwohl er weiß, daß sich das Leben, das er sucht, längst „vor den kalten Straßen und teuren Appartements der Stadt“ in die Vorstädte geflüchtet hat. An sich hat sein Unterfangen etwas Lächerliches, weil die Kamera so tut, als habe sich nie etwas geändert.

Aber weil er sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen läßt, findet der Film auch dort zu einer Schönheit, wo die Wirklichkeit eigentlich ganz anderes zeigt. Am Horizont sieht man die Wohnsilos, in den Straßen ist kein Leben, und dennoch wirken die Bilder stimmig. Gerade im unverwandten, mitleidlosen Blick wird der Bruch sichtbar im Traum von der Boheme.

DAS LEBEN DER BOHÈME erzählt von Freundschaft, also auch von Einsamkeit, und von Armut, also auch von Großzügigkeit. Rodolfo, ein albanischer Maler (Matti Pellonpää), Marcel, ein französischer Dichter (Andre Wilms), und Schaunard, ein irischer Komponist (Kari Väänänen), treffen zufällig zusammen und erkennen einander. Nicht den Künstler schätzen sie am anderen, sondern den Liebhaber der Künste. Aber nie stellt sich ihre Leidenschaft der Freundschaft in den Weg. Wenn es sein muß, verkauft Marcel seine Balzac-Erstausgaben und Schaunard seinen Wagen, um ihrem Freund Rodolfo zur Seite zu stehen. Und es muß kein Wort darüber verloren werden. Wie alle schweigsamen Menschen vertrauen sie der großen Geste.

Aki Kaurismäki hat bei aller Verzweiflung einen Hang zum Melodramatischen. Schließlich verläuft beides nach dem gleichen Muster: Es gibt keinen Ausweg. Gerade deshalb wird das Leben selbst zur Kunst erhoben. Wie man Gläubiger los wird, wie man an eine ordentliche Jacke kommt, oder wie man mit Lyrik eine Wohnung heizt, das kann man hier lernen. Der Film ist also auch eine Komödie, schon deshalb, weil die Ungerührtheit des Ausdrucks von jeher zu den wirkungsvollsten Mitteln der Komik zählte. Kaurismäkis unvergleichlicher Held Matti Pellonpää gehört dabei wie Jean-Pierre Leaud zu den ungekrönten Meistern dieses Fachs. Im Amerikanischen gibt es einen Ausdruck dafür: Deadpan.

Das Leben bei Kaurismäki ist dem Tod abgerungen, ein unwirkliches Licht (Kamera: Timo Satminen) entreißt die Figuren dem Schatten. Eine Einfachkeit findet sich in diesem Film, die die großen Regisseure auszeichnet. Aber wie bei Jim Jarmush rücken dadurch Sinn und Unsinn enger zusammen. Die Bilder nähern sich ihren Gegenständen mit so großem Ernst, daß sich immer wieder die Ironie einschleicht. Alles ist eindeutig und vieldeutig, vielsagend und nichtssagend zugleich. Der Abstand zum Lächerlichen ist auch hier minimal.

Aki Kaurismäki ist im Ende ein großer surrealistischer Filmemacher. Man findet an den unmöglichsten Stellen türkische Pantoffeln oder doppelköpfige Forellen. Und letztlich werden solche Fundstücke mit derselben ungerührten Mine präsentiert wie die großen Gefühle der Liebenden. Das hätte Kaurismäkis großem Vorbild Bunuel auch gefallen.

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