06. August 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Jurassic Park

Der geöffnete Rachen von Hollywood

Wunderkind Rex: Steven Spielbergs zweite Expedition in den JURASSIC PARK - VERGESSENE WELT

Die wichtigste Frage gleich vorweg: Wird es einen dritten Teil geben? Die Antwort liegt in der Frage selbst: Die Studios haben schließlich genug Probleme damit, die Leute für Filme zu interessieren, die schon gemacht worden sind. Warum also sollten sie einen Film nicht machen, für den die Leute sich schon interessieren, ehe er überhaupt in Planung ist?

Und was – zweitwichtigste Frage – wird im dritten Teil passieren? Drehbuchautor David Koepp sagt dazu: „Entweder greifen die Saurier Washington an und trinken aus dem Reflecting Pool, oder sie ziehen nach Chicago und treten bei ,Oprah‘ auf. ”

Also zur dritten Frage: Wie ist der zweite Teil? Gegenfrage: Hat die Antwort beim ersten Teil im Ernst irgendwen interessiert? Das ist etwa so, als würde man gefragt, was vom Eiffelturm zu halten sei. Es gab Leute, die fanden den Turm so häßlich, daß sie jeden Tag dort gegessen haben, um ihn nicht dauernd sehen zu müssen. Für alle anderen gilt: Er ist nicht zu übersehen. Also sieht man ihn sich an.

Vergessenes Geld

Wenn es etwas gibt, was das Kino Steven Spielberg verdankt, dann ist es der sogenannte Blockbuster. Seit dem Weißen Hai gibt es diese Filme, bei denen sich die Frage nach der Qualität nicht mehr stellt. An deren Stelle ist die Quantität getreten: Einspielergebnisse, Startwochenenden, Kopienzahlen. Diese Film überzeugen durch schiere Präsenz. Wie Saurier stampfen sie durch die Kinolandschaft, unempfindlich gegen alle Anfeindungen, unersättlich in ihrer Gier nach Zuschauern.

Früher nannte man das einfach Erfolge, später dann Hits – heute ringt man um Superlative. Spielberg hat dem Kino zweifellos noch mehr vermacht als den Megahypersupererfolg, der sich nicht mehr wegdiskutieren läßt. Aber damit hat er das Gesicht des Kinos am nachhaltigsten verändert. Seit dem Weißen Hai darf als bevorzugter Gesichtsausdruck der aufgerissene Rachen gelten. Davor hatte man in Hollywood noch den Anstand, die Hand vorzuhalten.

THE LOST WORLD: JURASSIC PARK hat also am Startwochenende in Amerika mehr als 90 Millionen Dollar eingespielt – natürlich Weltrekord. Daß er am Ende nur 230 Millionen machen wird, gilt fast schon als Enttäuschung. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man nicht noch auf die Idee gekommen wäre, den Namen des Vorgängers auch im Titel unterzubringen. JURASSIC PARK machte eine Milliarde weltweit, LOST WORLD wird diese Marke wohl nicht erreichen, zumindest nicht im Kino – aber mit Video und sonstigem Krimskrams natürlich trotzdem locker das Doppelte. Dieser eine Film schafft also, woran sich sonst ganze Industriezweige abarbeiten. Wenn man da nach Qualität fragt, ist das fast schon so, als wolle man Arbeitsplätze in Frage stellen.

Wer eine Fortsetzung zu JURASSIC PARK machen will, steht vor einer entscheidenden Frage: Was ist furchterregender als ein Tyrannosaurus Rex? Die Antwort ist, wie in solchen Fällen üblich, ganz einfach: zwei Tyrannosaurus Rex. Daran haben sich Michael Crichton in seinem Roman und die Filmemacher in ihre Verfilmung gehalten. Wobei das eine mit dem anderen nur noch diese Grundelemente gemeinsam hat: Neben der Insel, auf der im ersten Teil der Dino-Park gelegen war, gibt es noch eine zweite, auf der der Nachschub gezüchtet wurde – und dort laufen noch viel mehr Saurier umher. Das ist das alte Gesetz der sequels: Man bekommt mehr fürs gleiche Geld.

JURASSIC PARK war – auch wenn da die Meinungen auseinandergehen – ein aufsehenerregender, aber eher nervtötender als nervenaufreibender Film. Michael Crichtons Idee eines Dinosaurier-Vergnügungsparks war wahrscheinlich der beste kommerzielle Einfall eines Autors unserer Tage – und der Mann ist intelligent genug, um daraus ein Buch zu machen, das niemanden für dumm verkauft. Jeder hat seit Jahrzehnten gewußt, daß die Welt nichts so sehr fasziniert wie Dinosaurier. Aber nur einer hat die Begeisterung beim Wort genommen.

Die Verfilmung hingegen war kommerziell betrachtet ein Kinderspiel, technisch eine Pionierleistung und stilistisch Routine. Die Fortsetzung ist kommerziell eine noch sicherere Bank, technisch fast schon Routine und stilistisch auf der Höhe von Spielbergs Talenten. Wo der erste Film seine Zuschauer als Dino-Snack verkaufte, nimmt der zweite sie als intelligente Wesen ernst. Wo der Vorgänger vor allem sich selbst furchtbar ernst nahm, da treibt die Fortsetzung ein intelligentes Spiel. „Wir werden dieselben Fehler nicht nochmal machen”, sagt einer der Jäger. „Nein, sie werden völlig neue machen”, antwortet der Sammler (Jeff Goldblum).

Steven Spielberg, von dem selbst seine Mutter sagt, er sei vielleicht reich, aber habe keine Klasse (Time Magazine), hatte Erfolg, weil er es als erster geschafft hat, die thrills and kills des alten Hollywood in eine für seine Generation verständliche Sprache zu übersetzen. Seine Zeitgenossen sind Leute, die mit dem Fernsehen groß geworden sind, alles schon dreimal gesehen, aber nichts erlebt hatten.

Spielberg war selbst ein Fastfood-Junkie und verstand, welchen Stoff die Leute brauchten, um sie vom Fernseher wegzulocken: Filme, die das Leben aus zweiter Hand ernst nahmen; die Außerirdische wie Menschen behandelten und Menschen wie Außerirdische; die Comic-Helden in die wirkliche Welt verfrachteten und die wirkliche Welt in einen Comic verwandelten. Das Leben wurde so zum Kinderspiel und die Welt zum Spielzimmer.

Spielberg hat immer einen Film gebraucht, in dem er beweisen wollte, daß er das Handwerk beherrscht. Das waren irrsinnig effektive Filme, so kaltherzig exekutiert, wie man das von Kindern kennt, die ein Spielzeug auseinandernehmen, um zu sehen, wie es funktioniert. Interessanter waren die Nachfolger, in denen er sein Wissen einsetzte, um Spielzeug zusammenzubauen. So wurden aus dem ernsten JäÄGER DES VERLORENEN SCHATZES die verspielten Fortsetzungen um INDIANA JONES, aus dem angestrengten Reich der Sonne der bewegende SCHINDLERS LISTE – und aus dem zerfahrenen JURASSIC PARK der ungleich vergnüglichere VERGESSENE WELT. In Steven Spielbergs Welt wirkt vielleicht alles wie ein Kinderspiel – aber das ist gar nicht so leicht, wenn man fünfzig Jahre alt ist.

THE LOST WORLD: JURASSIC PARK, USA 1997 – Regie: Steven Spielberg. Buch: David Koepp nach dem Roman von Michael Crichton. Kamera: Janusz Kaminski. Ausstattung: Rick Carter. Musik: John Williams. Effekte: Dennis Muren, Stan Winston, Michael Lantieri. Darsteller: Jeff Goldblum, Julianne Moore, Pete Postlethwaite, Arliss Howard, Richard Attenborough. Verleih: UIP. 129 Minuten

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