02. März 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Johnny Handsome

JOHNNY HANDSOME von Walter Hill

Der Schöne und das Biest

Die Dinge lösen sich auf Übrig bleibt ihr Schein, ein letztes Aufglimmen vor ihrem Verschwinden. Walter Hill dreht Phantomfilme, die ganz und gar vom verführerischen Schein der Oberflächen leben. Man muß „Johnny Handsome“ zusammensehen mit den letzten beiden Filmen von Walter Hill, mit EXTREME PREJUDICE und RED HEAT. In ihrer Zeichenhaftigkeit und extremen Stilisierung entleert sich die Welt, um sich in Gesten, Rhythmus und Bewegung neu zu formieren. Vieles verdanken die drei Filme dabei der Photographie von Matthew F. Leonetti, die ihnen ihren dunklen Glanz verleiht.

Johnnys Gesicht ist von Geburt an entstellt, den schönen Johnny nennen sie ihn deshalb spöttisch. Als bei einem Überfall sein väterlicher Freund von den Komplizen erschossen wird, wandert er ins Gefängnis. Dort versucht man, Johnny als Mitwisser zu erstechen. Auf der Krankenstation beginnt sich dann ein plastischer Chirurg für ihn zu interessieren. Wenn er sich ein neues Gesicht und eine neue Identität verpassen lasse, so schlägt der Arzt Johnny vor, dann werde man ihn auch freilassen. So geschieht es auch.

Aber von seiner Vergangenheit kommt Johnny nicht los, er muß erst die Mörder seines Freundes finden. Mickey Rourkes Posen fügen sich dabei diesmal nahtlos in die Konstruktion des Films. Der Film geht nicht unter die Haut, er tastet sie nur ab, um die Nahtstellen zu finden, wo unter dem Schönen das Biest zum Vorschein kommt. Man sieht, wie lose diese Welt zusammengefügt ist, wie flüchtig die Verbindungen sind, die die Oberflächen miteinander eingehen. Was die simple Konstruktion der Geschichte tragfähig macht, ist die leicht nachvollziehbare Verletzlichkeit des neuen Gesichts. Jeder Schlag bedroht unsere Identifikation mit Johnny ganz direkt.

Je abgenutzter die Geschichte erscheint, desto wichtiger wird ihre Variation. Nur so entstehen die Reibungsflächen, die sie in einem neuen Licht erstrahlen lassen. Die Art, wie Ellen Barkin ganz in schwarzem Leder ihre Zigarette wegschnippt, wie Lance Henriksen seine Waffe hebt oder wie Morgan Freeman als schwarzer Sheriff sein Südstaaten-Kauderwelsch herausleiert, diese Arten von Präsenz sind bei Hill wichtiger als die Geschichte und ihre Motivationen. Denn über das, was dahinter zum Vorschein käme, macht sich Hill ohnehin keine Illusionen.

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