21. Juli 1989 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Half Moon Street & Scandal

Sex und Politik im Kino: HALF MOON STREET von Bob Swaim und SCANDAL von Michael Caton-Jones

Identifikation zweier Frauen

Imitation of Life: Das wahre Leben ist an den Rändern perforiert und rückt 24mal in der Sekunde ein Stück weiter. Bei Licht besehen ist das wahre Leben nichts als eine Projektion. Nichts bleibt dabei verborgen, alles liegt gut sichtbar an der Oberfläche. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder Pfarrer oder Filmkritiker. Was wir als Film sehen, ist im Grunde bloß ein Effekt, eine perfide Täuschung. Daß wir so bereitwillig darauf hereinfallen, liegt an der Trägheit unserer Wahrnehmung.

24 Bilder in der Sekunde, das ist mehr, als unser Auge unterscheiden kann. Darum halten wir für einheitliche Bewegung, was in Wirklichkeit nur eine Anhäufung von Einzelbildern ist. Und genauso halten wir für wahres Leben, was in Wirklichkeit nur eine Anhäufung von Bildern ist, die wir von uns selbst haben und die sich andere von uns machen.

Imitation: Lauren Slaughter (Sigourney Weaver) ist Amerikanerin und lebt in London. Sie war drei Jahre in China und arbeitet jetzt im Middle Eastern Research Institute für wenig Geld. Sie ist kompetent, und sie ist attraktiv. Sie weiß, was sie will, und weiß, was sie sich zutrauen kann. Also nimmt sie einen Job bei der Agentur Jasmin an, arbeitet als professionelle Begleiterin für Geschäftsleute, denen sie, wenn sie will, auch nach dem Abendessen noch zu Diensten ist. Sie sagt, sie liebe unkomplizierten Sex. Sie denkt, sie habe ihr Leben im Griff.

Christine Keeler (Joanne Whalley-Kilmer) kommt aus bescheidenen Verhältnissen und arbeitet in einem Londoner Nachtclub. Sie ist ehrgeizig, und sie ist willig. Als sie den Arzt Stephen Ward kennenlernt, führt er sie in die besseren Kreise ein. Dort bietet Ward ihre Gesellschaft an: Gegen Geld, werden später die Gerichte behaupten, gegen Mitwisserschaft, behauptet der Film. Er verschafft ihr eine angemessene Wohnung und einen angemessenen Stil: neue Haarfarbe, andere Frisur, elegante Kleidung. Sie sagt, sie sei, was er aus ihr gemacht hat. Sie denkt, sie führe ein angenehmes Leben.

Lauren Slaughter und Christine Keeler. Zwei Frauen, zwei Filme: HALF MOON STREET von Bob Swaim und SCANDAL von Michael Caton-Jones. Eine erfundene und eine wahre Geschichte, eine aus dem London von heute und eine aus dem von gestern. HALF MOON STREET ist eine Verfilmung des Romans „Dr. Slaughter“ von Paul Theroux, SCANDAL die Verfilmung der Affäre Keeler, die 1963 zum Rücktritt des britischen Verteidigungsministers John Profumo führte. Die beiden Filme nähern sich ihrem Thema aus entgegengesetzten Richtungen, aber immer geht es um das eine: die Identifikation einer Frau.

IDENTIFICAZIONE DI UNA DONNA, so hieß ein Film von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1982. Er handelte von einem Regisseur auf der Suche nach einer Frau, deren Gesicht ihm die Geschichte seines nächsten Films erzählen würde. Er hängte sich Photos von Schauspielerinnen an die Wand und versuchte es mit wirklichen Frauen. Seine Suche blieb jedoch folgenlos. Die Bilder, die er sich von den Frauen machte, ließen keine Geschichten mehr zu. Einen schöneren Film über das Unfaßbare der Frauen gibt es nicht. Fürs nachfolgende Kino taugt Antonionis Titel durchaus als Formel: Wie Frauen versuchen, einem Bild zu entsprechen, und dabei gleichzeitig nach einer Geschichte suchen, mit der sie sich identifizieren können. Wie sich diese beiden Bewegungen überlagern und so dem männlichen Blick entziehen. Die Kamera bringt das Unsichtbare immer wieder zum Vorschein. Weil sie, im Unterschied zum Leben, Geschichten auf die Leinwand bannen kann, die aus nichts als einer Unzahl von Bildern bestehen.

Godard hat mal in „Sauve qui peut: la vie“ versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Er zeigte Nathalie Baye auf einem Fahrrad und zerstörte den gewohnten Bewegungsablauf. Er spielte die Szene in verschiedenen Geschwindigkeiten, änderte den Rhythmus. Er behauptete, die Erscheinung der Frauen wechsle so häufig, daß man ihnen mit 24 Bildern in der Sekunde nicht beikommen könne. Einen radikaleren Versuch, das Geheimnis der Frauen zu fassen, gibt es nicht.

Lauren Slaughter ist eine erfundene Figur, die sich verwirklicht, Christine Keeler eine wirkliche Figur, die erfunden wird. In den Geschichten macht das keinen Unterschied. Beide sind gefangen im Netz der männlichen Blicke, Ansprüche und Begierden. Beide haben nur ihren eigenen Nutzen im Sinn und werden doch nur ausgenutzt. Dr. Slaughter lernt bei einem ihrer Aufträge Lord Bulbeck (Michael Caine), einen einflußreichen Vermittler internationaler Politik, kennen. Ihre Beziehung geht bald über das rein Geschäftliche hinaus. Am Ende muß sie erkennen, daß sie nur Teil eines Planes war, Bulbeck zu beseitigen. Die Gegenseite hatte noch die intimsten Regungen dieser selbstbewußten Frau vorausgeahnt und in die Intrige eingebaut. Dr. Slaughter glaubte ihr Leben im Griff zu haben und war dadurch berechenbar geworden.

Christine Keeler glaubte, durch Stephen Ward (John Hurt) ans bessere Leben zu kommen, und war deshalb besonders leicht auszurechnen. Sie diente seiner Lust an der Intrige, seinem Bedürfnis nach Wissen und Beziehungen in der hohen Politik. Auch wenn der Film Ward eher als Dr. Higgins zeichnet, der an seinem Geschöpf nur die Befriedigung des Ästheten sucht, bleibt kein Zweifel, daß er allein aus egoistischen Gründen Christines Freund und Mentor spielt. Beide Frauen entsprechen unbewußt dem Bild, das andere von ihnen entworfen haben. Das widerspricht der Emanzipation aber nur dann, wenn man übersieht, daß Dr. Slaughter und Miss Keeler zur selben Zeit Geschichten fanden, mit denen sie sich identifizieren konnten. Daß sie den Unmengen Bildern, von denen ihre Geschichten überlagert werden, mit allergrößter Leichtigkeit standhielten. Die ständigen Überwachungskameras und Richtmikrophone, die Laurens Affäre mit Bulbeck dokumentierten, und die zahllosen Zeitungsartikel und Photos, die Christines Affäre mit Profumo folgten, all diese Abbilder stellen im Grunde nur für die Männer eine wirkliche Bedrohung dar. Weil die viel leichter zu fassen sind.

Erbarmen mit den Frauen: 24mal in der Sekunde wird im Projektor das Bild vorgerückt, genausooft bleibt es dunkel, wenn die Blende das Licht verdeckt, um es dann für das nächste Bild wieder freizugeben. In dieser Dunkelheit dazwischen, die das Auge nicht mehr wahrnehmen kann, darin liegen die Geheimnisse, die von den Bildern unberührt bleiben. Die Kopie, die durch den Projektor geschickt wird, nutzt sich ab, bekommt Schrammen und franst an den Enden aus, so daß beim Rollenwechsel Sprünge entstehen. Die Täuschung, die man Leben nennt, nutzt sich ab, die Geheimnisse dazwischen nicht. Vielleicht verbirgt sich dort das, was man bei Frauen Magie nennt. Es kann doch kein Zufall sein, daß das Kino so gut als Metapher fürs Leben taugt.

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