01. August 1987 | Tempo | Filmkritiken, Rezension | Gefährliche Freundin

Femme Fatale im Höllentempo

Jonathan Demmes neue Komödie GEFÄHRLICHE FREUNDIN, die am 6. August in die Kinos kommt, ist der lustigste Thriller seit der Erfindung des Yuppie-Films

Gar kein Zweifel – die Amerikaner haben unser Jahrhundert erfunden. Im Land der schnellen Geschichten und des fixen Erzählens, der steilen Karrieren und rasanten Aufstiege, da muß die Geschwindigkeit zu Hause sein. Daß ausgerechnet Hollywood mit dem Affenzahn der 24 Bilder pro Sekunde bislang am besten zurechtkam, das wird wohl kein Zufall sein. In den „Screwball Comedies“ der 30er und 40er Jahre flog den Helden ihr Leben in Bruchstücke auseinander – wie die Kugeln am Billardtisch nach der Karambolage. Die bissigen Erwartungen ihrer aggressiven Gegenspielerinnen prasselten auf sie nieder – wie Salven aus Maschinengewehren. Und die Drehbuchautoren und Dialogschreiber hauten ihre Gags und Pointen mit einem Tempo in die Maschinen, das dem der Fließbänder von Ford in Detroit gleichkam. Der Rhythmus der Maschinen bestimmte das Leben in Amerika, der Herzschlag dieses Landes hat unsere Epoche geprägt. Mittlerweile haben die Japaner gehörig beschleunigt, und auch die Westeuropäer liegen nicht schlecht im Rennen. Aber Amerika, das ist noch immer der Puls der Zeit. Muß man etwa als Regisseur nur noch den Finger hinhalten?

Auf Originalität jedenfalls kommt es überhaupt nicht an. Jonathan Demme, der nicht nur ein eleganter, sondern auch ein kluger Filmregisseur ist, weiß das und zieht daraus die richtigen Schlüsse. Auch sein neuer Film GEFÄHRLICHE FREUNDIN funktioniert quasi maschinell: Demme nimmt eine Grundkonstellation, fügt die einzelnen Stücke nur zusammen – und schon beginnen die verschiedenen Eigenschwingungen sich hochzuschaukeln. Auf die eine Seite stellt Demme eine ausgeflippte New Yorkerin, die weiß, was sie will. Auf die andere einen gerade beförderten Yuppie, der erstaunlich wenig weiß. Demmes Film beginnt friedlich, fast idyllisch, mit einem Blick auf die Skyline von Manhattan. Aus dem Lautsprechern tönt dazu lustige Musik von David Byrne und seinen Freunden. Ein Täuschungsmanöver: In New York beginnt der Film, in New York hört er auf – dazwischen aber liegt die Hölle der amerikanischen Provinz. Ein Film wie ein Bumerang.

In einem Coffee Shop in Manhattan sitzt Charlie Driggs – gespielt von Jeff Daniels, deutschen Kinobesuchern bekannt aus Woody Allens PURPLE ROSE OF CAIRO – und freut sich. Eben ist der brave Banker zum Vizepräsidenten seiner Firma befördert worden. Als Charlie das Lokal verläßt und die Zeche prellt, hat er plötzlich Lulu – gespielt von Melanie Griffith – auf dem Hals. Lulu sieht recht niedlich aus mit ihrem schwarzen Bubikopf, ihren schwarzen Kleidern und dem grellrot geschminkten Mund. Aber Lulu ist gefährlich. Sie schleppt den widerstrebenden Charlie einfach ab, zerrt ihn in ihr Auto und setzt sich hinters Steuer. Dann schiebt sie den Rock hoch bis zum Seidenstrumpfansatz, trinkt beim Fahren aus der Whiskeyflasche, beklaut einen Schnapsladen und geht ran wie Blücher. Charlie protestiert, aber Lulu fährt raus aus der Stadt ins nächstbeste Hotel. Dort fesselt sie Charlie mit Handschellen ans Bettgestell, legt einen atemberaubenden Striptease hin – und vernascht Charlie nach Strich und Faden. Wie warnte doch an der Ausfallstraße ein Verkehrsschild? Wrong way. Go back!

Es hilft alles nichts: Lulu verschleppt Charlie in die Provinz, nach Pennsylvania zu ihrer Mutter, wo er den frischgebackenen Ehemann spielen soll. Lulu legt zu Hause nicht nur die alten Kleider ab, sondern auch den alten Namen und die alte Persönlichkeit. Aus Lulu, der schwarzen Femme fatale, wird plötzlich die brave Blondine Audrey. Charlie ist perplex und kann sich doch nicht losreißen. Abends, auf Audreys zehnjährigem Klassentreffen, spielen sie weiter das junge Eheglück – bis Ray auftaucht. Ray kommt geradewegs aus dem Knast, ist extrem gewalttätig und vor allem Audreys rechtmäßig angetrauter Ehemann. Jetzt will er seine Frau zurück, mit allen Mitteln. Das Theater mündet in eine Katastrophe, die Komödie in einen Thriller. Mancher Kritiker mußte an BLUE VELVET denken, aber der Vergleich hinkt: SOMETHING WILD, so der Originaltitel, ist schlanker, schneller und subtiler inszeniert.
Die Rhythmen der Figuren Charlie und Lulu kollidieren erst, dann addieren sie sich, um schließlich potenziert auf- und davonzujagen. Die Geschichte kommt fast von allein in Bewegung – und genauso schnell wirft sie die beiden auch aus der Bahn. So einfach ist das. Solche Stories haben in den 80er Jahren Hochkonjunktur: Verträumte Langweiler geraten an fatale Frauen und stolpern in eine Nacht, die wie ein Alptraum ihr normales Leben in seine Einzelteile zerlegt. Von diesem Schrecken erzählt jeder auf seine Weise: John Landis in KOPFÜBER IN DIE NACHT, Susan Seidelman in SUSAN, VERZWEIFELT GESUCHT, Martin Scorsese in DIE ZEIT NACH MITTERNACHT oder Blake Edwards in BLIND DATE. Screwball Comedies nannte man das früher, wobei man die bedauernswerten Helden jener Filme mit „screwballs“ verglich, mit Kugeln, die durch einen Drall aus der Bahn getrieben werden. Findige Geister haben für die Wiederkehr des Genres einen neuen Begriff, ganz im Geist der Zeit, geprägt: „yuppie pictures“. Kurz: yuppix. Wenn der Yuppie schon sonst zu nichts taugt – zwei Dinge hat er wenigstens erreicht: die Steigerung des Bruttosozialprodukts und eine Bereicherung der Kinoterminologie.

Auch Jonathan Demme, den man hierzulande am ehesten durch sein Melodram MELVIN & HOWARD und den Talking-Heads-Konzertfilm STOP MAKING SENSE kennt, startet die GEFÄHRLICHE FREUNDIN ganz im Stil eines yuppix, und legt von Beginn an ein Irrsinnstempo vor. Das hat Demme bei Roger Corman gelernt, für den er unter anderem den Frauengefängnisfilm CAGED HEAT drehte: schnell, billig, die Psychologie direkt in Action umgesetzt. Immer wieder geht es im Auto über die Straßen. Man fährt ein Stück mit, hört heiße Musik und blickt sich um. Da tritt plötzlich einer aufs Gaspedal – und die Geschichte beschleunigt, bis sie unseren Blicken entschwunden ist. Den rasenden Puls der Verwirrungen und Verwandlungen kann man kaum mehr ertasten. In GEFÄHRLICHE FREUNDIN verwandelt sich die Komödie unversehens in ein Drama. Demme reißt seinen Figuren noch die letzten Sachen vom Leib, entkleidet sie bis auf den Kern. Lauter kaputte Typen, völlig gebrochene Charaktere, die für den Anschein eines geordneten Lebens sich selbst und andere verraten. So nachhaltig wurde man im Kino schon lang nicht mehr verstört. T

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