09. Juni 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Freiheit ist ein Paradies

Zukunft heißt Vergangenheit

FREIHEIT IST EIN PARADIES von Sergej Bodrow/strong>

Die Totale ist die beliebteste Kameraeinstellung in totalitären Systemen. Der einzelne geht in der Menge auf, alle sind in einer Perspektive vereint. Sergej Bodrows Film fängt so an, mit einem Blick hinab auf den Hof eines Heims für schwer erziehbare Jugendliche. Man sieht die Jungen in Unterhemden und rauhen Hosen beim sinnlosen Drill, einer allgegenwärtigen Stimme ausgeliefert, die im Falle einer Flucht Konsequenzen für alle androht. Die Kamera ist fern, den Trost der Nähe gewährt sie keinem. In ihrem Blick gibt es keinen Fluchtpunkt, nur Mauern. Das Heim liegt in Alma Ata, im hoch gelegenen Süden der Sowjetunion, Gorbatschows Moskau ist fern.

FREIHEIT IST EIN PARADIES erzählt von einer Flucht in Etappen, schildert die zahlreichen Anläufe, die der 13jährige Sascha unternimmt, um zu seinem Vater zu gelangen. Der sitzt in einem Straflager bei Archangelsk, weit im Norden der UdSSR, hat keinen Kontakt zu seinem Sohn und auch kein Interesse an ihm.

Bis zum Zusammentreffen der beiden ist ein weiter Weg. Bodrow interessiert sich jedoch nicht für die Strecke, die der Junge dabei zurücklegt, sondern mehr für die Haltung, die sich darin ausdrückt, für den unbeugsamen Freiheitsdrang des Kindes. Dreimal flieht er, dreimal wird er wieder geschnappt, ehe er Archangelsk erreicht. Keine Drohung, keine Konsequenz kann ihn aufhalten, unbeirrt sucht er die Freiheit.

Die einzelnen Stationen von Saschas Flucht zeichnen alle das gleiche Bild, das von einer in ihren eigenen Mauern gefangenen Gesellschaft. Bei seinem ersten Ausbruch kommt der Junge zwar zunächst bei einer ehemaligen Freundin seines Vaters unter, die kriegt es dann jedoch mit der Angst und verrät seinen Aufenthaltsort. Als sie vom Einkaufen zurückkommt, wird der Junge gerade von der Polizei abgeholt. Das Schlimmste an dieser Szene ist das Einverständnis mit der Situation, das sich darin äußert. Es gibt keinen Aufschrei, keine Szene, allenfalls leises Bedauern. In den Augen des Jungen reicht es noch nicht einmal zu einem stummen Vorwurf. Die einzige Solidarität, die in dieser vereinsamten Welt noch möglich ist, gibt es unter den Außenseitern, bei denen, die sowieso am Ende der langen Kette von Angst und Unterdrückung stehen.

Nur dort, wo es ohnehin keine Hoffnungen mehr gibt, existiert wenigstens ein Gefühl für die Freiheit. Eine junge Frau, die sich von einem Offizier aushalten läßt, gibt Sascha Kleider und läßt ihm von ihrem Geliebten ein paar Dollars zustecken. Eine Nonne, der er auf einem Schiff begegnet, deckt ihn ohne lange Erklärungen bei einer Ausweiskontrolle. Und ein stum¬mer Pferdeknecht spielt mit Sascha in einem Viehwaggon Karten. Sonst gibt es keine Bilder, die von Nähe erzählen. Die Menschen sitzen schweigend vor ihren Haustüren oder auf dem Oberdeck eines Schiffes. Und auch im Internat gibt es nur eine einzige Szene, in der zwei miteinander reden: Da läßt der eine gerade die Hosen runter, weil der andere ihm Geld schuldet.

Bodrow schildert eine karge, bewölkte Welt, in der allenfalls eine Totale die einzelnen Menschen in einem Bild vereinen kann. Darin ist der Film von beklemmender Konsequenz, aber auch von formaler Monotonie. Es gibt kaum Wechsel in Rhythmus und Tonfall. Was die Bilder zusammenhält, ist allein die sanfte Verschlossenheit und unbeeindruckte Gleichgültigkeit des Hauptdarstellers Wolodja Kosyrew, der wenigstens zwischen sich und dem Zuschauer eine sympathisierende Nähe herstelt. Sein Freiheitswille ist ihm wie ein Mal eingebrannt; so wie das S.E.R., das alle Lagerinsassen als Tätowierung tragen: Swoboda eto raj – Freiheit ist ein Paradies.

Der Film beschwört keine Perspektiven, sondern nur diesen einen Zustand: Bewegungsfreiheit. Wobei daran die Freiheit wichtiger ist als die Bewegung. Die einzige Zukunft, von der der Film eine Vorstellung entwirft, besteht darin, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen. So wie der Junge, der seinen Vater sucht und findet. Aber in der letzten Einstellung des Films steht schon wieder der Wagen, der Sascha zurückbringen wird ins Heim. Davon erzählt Freiheit ist ein Paradies: Daß man erst einmal die eigene Geschichte bewältigen muß, ehe die Geschichte weitergehen kann. Damit sind auch die Ziele für das sowjetische Kino der kommenden Jahre agesteckt.

(In München im Fantasia, Broadway und den Museums-Lichtspielen.)

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