16. April 1998 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | La fille seule

Die Geheimnisse junger Mädchen

Im Dienste des Roomservice: Virginie Ledoyen in Benoît Jacquots LA FILLE SEULE

In den Augen jener Wesen, die nicht mehr Mädchen und noch nicht Frau oder längst schon Frau und immer noch Mädchen sind, gibt es eine Leere, die stets ein wenig geheimnisvoll wirkt. Die Seele – oder was sich sonst auf dem Grund ihrer Blicke verbirgt – ist eine weiße Leinwand, die darauf wartet, daß das Leben seine Lichter und Schatten darauf wirft. Aber die Erfahrungen, die sich der Seele einschreiben, scheinen auf sonderbare Weise nur sichtbar zu machen, was vorher schon schemenhaft angelegt war. So eine Sphinx der frühen Jahre ist Virginie Ledoyen, die diesem Film buchstäblich ein Gesicht verleiht.

Madmoiselle Ledoyen hat zum ersten Mal in Assayas’ L’EAU FROIDE gespielt, dann in Chabrols Biester und schließlich gleich zweimal mit Benoît Jacquot. Zuerst in der Marivaux-Verfilmung Marianne, dann in LA FILLE SEULE. Hier muß sie auf eine ähnliche Art das Gewicht dieses Films auf ihren Schultern tragen wie Isabelle Carré in dem auf dem letzten Münchner Filmfest gezeigten Film La femme défendue, wo eine subjektive Kamera die Darstellerin nicht aus den Augen läßt. In La fille seule setzt Regisseur Benoît Jacquot seine Heldin sozusagen einer objektiven Kamera aus, die ihr auf Schritt und Tritt folgt. Hinter diesem Blick gibt es kein Ich, außer dem eher abstrakten Subjekt des Regisseurs. Beide Frauen sind also stets im Bild, aber der Blick ist ein völlig anderer.

Die Geschichte ist denkbar einfach: Ein Mädchen bestellt ihren Freund in ein Café, wo sie ihm mitteilt, daß sie schwanger ist. Weil weder der Freund noch sie in der Sache gesprächsweise weiterkommen, beschließen sie, sich in einer Stunde nochmal zu treffen, um alles weitere zu bereden. Dann geht sie um die Ecke in ein Hotel am Gare St. Lazare, wo sie eine Arbeit beim Roomservice antritt. Daß dies ihr erster Arbeitstag ist, bringt zusätzlich Unruhe in die ohnehin gespannte Lage. Alles, was im Hotel passiert, bringt sie irgendwie auch einer Entscheidung näher – oder auch nicht.

Die Stunde zwischen dem einen Rendezvous und dem nächsten dauert im Film eine Stunde. Für den Zuschauer bedeutet das, daß die Zeit gleichzeitig sich dehnt und schrumpft. Es passiert einerseits so viel mehr, als man nach eigenem Zeitempfinden vermuten würde, und andererseits so viel weniger, als man im Kino gewohnt ist. Und dennoch liegt in dieser Stunde ein ganzes Leben: für oder gegen das Kind, mit oder ohne den Vater. Das ist, wie das Leben so spielt, eine Sache von Sekunden – und dennoch eine existenzielle Entscheidung.

Wer glaubt, das Kino könne ohne Zuspitzungen nicht leben, täuscht sich gewaltig. Die Stunde im Hotel, das Einstellungsgespräch, die Einweisung durch Kollegen, die ersten Bestellungen, das alles ist so spannend wie das Leben selbst. Wobei die Tatsache, daß die junge Schauspielerin Ledoyen unablässig im Bild ist, den Einsatz in diesem Spiel noch erhöht: Wird sie dem steten Blick standhalten? Oder wird sie – oder die Frau, die sie spielt – irgendwann stolpern, das Tablett fallen lassen, aus der Rolle fallen? Wie sie – in der Rolle des Zimmermädchens – das bewältigt, ist das wahrhaft Aufregende an dem Film, der bei uns auf der vorletzten Berlinale Premiere hatte und jetzt in München im Werkstattkino anläuft (ab Freitag täglich um 21 Uhr).

Im Hotel ist das Leben kein Chanson: Ein Kollege erweist sich als Spaßvogel, ein anderer als zudringlich. Eine Kollegin ist erst mürrisch, dann allzu offenherzig. Und dasselbe gilt allemal für die Gäste. Einer schüttet sein Herz aus, andere sind nur verschlafen. Manche bleiben gesichtslos, manche allzu gut in Erinnerung. Ein Paar treibt es bei lauter Musik: die Frau reagiert hysterisch, der Mann nur genervt. Es ist wie das Leben in Hotels selbst, eine eigenartige Mischung aus Intimsphäre und öffentlichem Raum. Mit dem Generalschlüssel hat der Roomservice Zutritt zu jedem Zimmer, und selten hat man jenen Zusammenprall der verschiedenen Lebensumstände von Gast und Personal so beklemmend empfunden wie hier.

Allein zu zweit

Es gibt immer wieder die langen Wege mit dem Frühstückstablett durch die Hotelflure und die genauso langen Wege zurück. Und immer blickt die Kamera suchend ins Gesicht des Mädchens, ob sich irgendwelche Erfahrungen darin spiegeln. Aber letztlich bleibt alles eine einsame Entscheidung, bei der ihr die Blicke in die Zimmer des Hotels nicht helfen können. Was sie da sieht, zeigt ihr ohnehin nur, daß jeder allein ist – wie nahe man auch beieinander liegen mag.

Nach einer Stunde entwischt sie dem Mechanismus ewig gleicher und doch stets unterschiedlicher Verrichtungen und trifft ihren Freund. Und unabhängig vom Ergebnis dieses Treffens folgt darauf der Gang zurück ins Hotel, bei dem plötzlich ein Streichquartett von Dvorak einsetzt und dem beinahe dokumentarischen Tonfall einen so fiktiven Klang entgegensetzt, daß man aus allen Wolken fällt.

Und damit der Film nicht im formalen Rigorismus erstickt, gibt es einen Epilog, zwei Jahre später, mit Mutter und Kind im Jardin de Luxembourg, in dem der Titel, die Sonne und das Kino zu seinem Recht kommt. Auf einmal ist die Seele keine weiße Leinwand mehr, sondern ein beschriebenes Blatt. Daß man Virginie Ledoyen diesen Wandel abnimmt, ist nicht nur eine Sache der veränderten Frisur, sondern gehört zu den Wundern des Kinos im allgemeinen und zu denen des französischen Films im besonderen.

LA FILLE SEULE, F 1995 – Regie: Benoît Jacquot. Buch: Jacquot, Jérôme Beaujour. Kamera: Caroline Champetier. Schnitt: Pascale Chavance. Darsteller: Virginie Ledoyen, Benoît Magimel, Dominique Valadie, Vera Briole. Verleih: Peripher, 90 Minuten.

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