15. Dezember 1989 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Eine Frau mit fünfzehn

EINE FRAU MIT FÜNFZEHN von Jacques Doillon

Wie ein Spiegel

Einst lebte im Königreich Florin ein wunderschönes blondes Mädchen namens Buttercup. Das hatte einen Stallburschen, der mindestens ebenso blond und schön war wie sie. Dieser Westley, so hieß er, quittierte jeden Auftrag seiner Gebieterin, mochte er auch noch so unsinnig oder beschwerlich sein, mit einem strahlenden „Wie Ihr wünscht“. Als Buttercup alt genug war zu begreifen, fand sie endlich heraus, daß jedes „Wie Ihr wünscht“ in Wirklichkeit bedeutete: „Ich liebe Dich.“ So wurden die beiden ein Paar in DIE BRAUT DES PRINZEN, einem Film von Rob Reiner.

Vielleicht muß man sich den Filmen Jacques Doillons von dieser Seite her nähern. Wo das Gewicht der Worte mit einem Mal seine Schwerkraft verliert und mit märchenhafter Leichtigkeit die Gefühle zum Schweben bringt. Wo unter den vielen Worten von einem Moment zum nächsten sichtbar wird, wovon eigentlich die Rede sein soll. So wird aus der Geschichte zweier Teenager das Märchen von Little Sleepy Head, der kleinen Schlafmütze, und ihrem Prinzen. Und plötzlich gibt es da auch Flüche, Magie und Zauber. Das ist die eine Seite von Doillons Filmen, der leuchtende Hintergrund seiner Bilder, die Rückseite des Raums, in dem sich alles abspielt.

Die andere Seite, der Vordergrund des Raums, der sich zum Zuschauer hin öffnet, ist bevölkert mit Gefühlen, die sich atemlos alle Freiheiten herausnehmen und sich dabei nichts sehnlicher wünschen als einen Platz in der Geschichte, an dem sie endlich zur Ruhe kommen können. Daß es keinerlei Flucht- oder Versteckmöglichkeiten gibt, führt zu einer gewissen Überspanntheit, an der sich immer aufs neue Konflikte entzünden. Und je konkreter die Gefühle dabei zur Sprache gebracht werden, desto mehr muß man abstrahieren. Eine Anstrengung, die im Kino seltsamerweise weniger gern unternommen wird als in anderen Künsten. Jede Fiktion wird bereitwillig geglaubt, nur vor den Emotionen versagt immer wieder die Vorstellungskraft. Franzosen haben es da offenbar leichter, weil sie von den meisten abstrakten Begriffen eine konkretere Vorstellung haben.

Bei Doillon heißt das: Alle Bewegungen sind Emotionen, alles Geschehen spielt sich in Räumen ab, die angelegt sind wie Bühnen. Und doch haben die Filme nichts Theatralisches, nichts Starres. Aber in der Art, wie sie sich zum Zuschauer hin öffnen und wie sie ihren Horizont nicht durch Aktion, sondern Fiktion ausmalen, liegt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Theater. Zumal es kaum jemanden gibt, der seine Bilder so sorgfältig kadriert wie Doillon. Das, was jenseits der Ränder nicht gezeigt wird, wirkt bei ihm immer größer als anderswo. Es gibt keinen Ausweg für all die Gereiztheiten, Neigungen und Leidenschaften. Ihre einzige Möglichkeit zur Flucht liegt in der Verflüchtigung. Wenn die Müdigkeit oder Trauer siegt, wenn Ruhe einkehrt. So liegen die schönsten Momente bei Doillon nicht dort, wo die Filme Stärke beweisen, sondern dort, wo sie Schwäche zeigen. Wenn nichts mehr weitergeht, wenn alles wartet. EINE FRAU MIT FÜNFZEHN was übrigens ein treffenderer Titel ist als LA FILLE DE QUINZE ANS, ist voll solcher Momente.

Ein Mädchen, das keine Frau sein will. Ein Junge, der noch kein Mann sein will. Und ein Vater, der kein Vater sein will. Die drei verbringen einen Urlaub auf einer Insel im Mittelmeer. Der Himmel ist weit, die Farben sind klar, die Gefühle in Bewegung. Das Mädchen liebt den Jungen, weil er noch jung genug ist, um nicht ständig an Sex zu denken. Und der Vater interessiert sich für das Mädchen, weil es jung genug ist, um auch Gefühle zu zeigen, die jenseits der Begierde liegen. Das ist die Utopie bei Doillon: daß die alten Hierarchien zwischen innen und außen, Fühlen und Handeln, Absicht und Ergebnis im Kino über den Haufen geworfen werden. Einmal liegen die drei, Willy (Jacques Doillon), Juliette (Judith Godrèche) und Thomas (Melvil Poupaud), am Strand. Da schaut der Vater Juliette an, und die Kamera trägt diesen Blick in einem Schwenk weiter zu dem Sohn. Hinterher sagt der Junge zu Juliette: „Wie du mich so angesehen hast, da hast du am Ende den gleichen Blick gehabt wie er. Wie ein Spiegel.“

Ursprünglich wollte Doillon gar nicht selbst spielen, aber seine erste Wahl fand nicht den richtigen Rhythmus für die Rolle. Also sieht man jetzt den Regisseur selbst neugierig und befangen durch seine Erfindung treiben, nie gewiß, wohin das führen mag. Das Spiel, das sich Juliette ausgedacht hat, heißt: dem Vater den Kopf verdrehen, und zwar komplett „Dann bringt uns nichts mehr auseinander. Und vergiß nicht, nur das Ende zählt, das Ende muß schön sein.“ Wie im Märchen klammert sich Little Sleepy Head an ihr Spiel und dessen Regeln. Und je öfter sie sich wiederholt, desto deutlicher erkennt man, daß sie jedes Mal eigentlich sagen möchte: „Ich liebe dich.“ Bei Doillon funktioniert das so gut, weil für ihn genau dies das Kino ist: „Die Arbeit mit einer Schauspielerin. Der Rest ist Angst.“

Der Vater versichert seinem Sohn beim Aufwachen, die Welt sei perfekt. Der Junge antwortet: „Wenn du das sagst, dann glaub ich dir.“ So spricht das Kino zu uns.

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