03. Mai 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | The Doors

THE DOORS von Oliver Stone

Spiel mir das Lied vom Tod

This is the end: Ein Mann liegt auf dem Bett seines Hotelzimmers, Ventilatoren zerschneiden wie Rotorblätter die Luft, Visionen bedrohen seinen Verstand. Mit dem Song der Doors beginnt sein Abstieg ins Herz der Dunkelheit: „The End“ ist seine Todesfuge.

APOCALYPSE NOW: Zur selben Zeit wie Coppolas Held lag auch Oliver Stone im Dschungel von Vietnam und hörte Jim Morrison. Er hatte sich freiwillig gemeldet, aus Orientierungslosigkeit und Erfahrungshunger. „Jim hat über Dinge gesungen“, sagte Stone in einem Interview, „mit denen Leute wie ich in Vietnam etwas anfangen konnten: Sex, Tod und den Sinn des Lebens.“ Daran kann man sehen, welche Bedeutung die Doors für jene Generation hatten und warum beinahe jeder Regisseur des New Hollywood irgendwann mit dem Projekt zu tun hatte. Aber erst Stone ist es gelungen, die diversen Rechtsinhaber davon zu überzeugen, daß er dem Geist jener Zeit treu bleiben würde. Nach zwei Regie-Oscars für PLATOON und GEBOREN AM 4. JULI gilt er als Spezialist dafür, unpopuläre Wahrheiten in populäre Filme zu verpacken. Dabei überzieht er persönliche Geschichten mit einer unpersönlichen Moral.

Helden sterben einsam: Darauf läuft THE DOORS hinaus. Das kurze, heftige Leben des Jim Morrison wird in 140 Minuten erzählt, von der ersten Todeserfahrung als Kind bis zum Grab auf dem Père Lachaise, vom ersten Konzert in Los Angeles 1966 bis zum Tod in Paris 1971. Es ist kein Abstieg ins Herz der Dunkelheit, sondern ein Taumel an die Grenzen der Benommenheit: Viel Sex, noch mehr Drugs und dauernd Rock’n Roll. Von den ersten
halluzinogenen Experimenten in der Wüste bis zu den letzten alkoholischen Exzessen folgt Stone seinem Helden in die Einsamkeit. Ein Mann versucht seine Seele zu retten und verliert dabei das Leben. Er jagt nach den künstlich erzeugten Bildern seiner Imagination und flieht vor dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm macht. Diese doppelte Bewegung beschleunigt seinen Untergang: Je näher er sich dem Licht der Erkenntnis glaubt, desto trüber wird sein Blick. Er sieht nur noch sich selbst, überall begegnet er seinem Image. Der Narziß kann im Spiegel dem Tod bei der Arbeit zusehen. Das ist seine Lust und sein Schrecken zugleich.

Die Legende lebt: Sonst lebt nichts in diesem Film. Meg Ryan, Kevin Dillon, Kyle MacLachlan, Frank Whaley, Michael Madsen, Billy Idol und Mimi Rogers sind nur Sprossen auf der Leiter in den Olymp. Keine ihrer Figuren gewinnt Konturen im Drogennebel, alle werden dem Heldenrausch geopfert. Val Kilmer spielt Morrison mit geradezu beängstigender Präsenz und Ähnlichkeit. Er ist der Schöne, der das Biest in sich sucht, und entwickelt dabei einen arroganten Charme, der auch die Erotik des Vorbilds prägte. Mit ihm besitzt THE DOORS eine Kraft, die dem Film sonst fehlt. Oliver Stones Kino ist eine Welt der starken Männer. Das ist seine Schwäche.

Helden und Gräber: Der Traum der vielen ist der Alptraum des einzelnen. Immer wieder werden die Helden bei Stone verraten und verkauft. In einer Atmosphäre aus Verfolgungswahn und Anarchie spielen seine Filme, zwischen Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid pendeln seine Figuren. Die Fronten sind immer klar. Dies ist kein Kino der leisen Töne, sondern der starken Worte. Der Zwiespalt, der die Helden dabei umtreibt, bleibt reine Konstruktion. Gut und Böse sind nicht zwei Seelen in einer Brust, sondern sichtbare Kräfte. Die Helden selbst bleiben blaß. Die Gewalt, der sie ausgesetzt sind, wird von Stone entweder dämonisiert oder poetisiert. Am Ende bleiben nur Tod oder Hölle.

Written & directed by Oliver Stone: So unerträglich holzschnittartig seine Drehbücher sind, so faszinierend ist Stone als Regisseur. Zusammen mit seinem Kameramann Robert Richardson findet er Bilder und Auflösungen, die einem den Atem rauben. Dem Rausch seiner Inszenierungen erliegt man jedesmal, aber man wacht mit einem Kater daraus auf. Zu sehen sind die Visionen eines Filmemachers, aber keine Menschen. Man darf gespannt sein auf Stones nächstes Projekt JFK, das von der Ermordung Kennedys handeln soll. Oliver Stones Leichen leben noch.

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