06. April 1996 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Dead Man Walking

Schrecken ohne Ende

Zwei superbe Schauspieler in einem beklemmenden Drama: DEAD MAN WALKING von Tim Robbins

Wenn es soweit ist und der Ruf des Aufsehers erschallt, dem der Film seinen Titel verdankt, dann stehen einem wirklich die Haare zu Berge. DEAD MAN WALKING hallt es durch die Gänge, wenn sich der Todeskandidat auf seinen letzten Weg begibt. In der Sprache des amerikanischen Strafvollzugs ist der Verurteilte also schon tot, und das zeigt nur, daß es da längst nicht mehr um Menschen geht, sondern nur noch um eine mechanische Verrichtung jenseits von Schuld und Sühne.

DEAD MAN WALKING ist ein Film über und dann zwangsläufig gegen die Todesstrafe. Regisseur Tim Robbins bemüht dafür keine Rhetorik, sondern begnügt sich damit, die nackten Tatsachen zu zeigen. Er führt vor, welche unbarmherzige Arbeit es ist, einen Menschen durch die Todesspritze umzubringen, und vor allem wie wenig damit irgendwem geholfen ist.

Tatsachen: Die Geschichte des Mörders Matthew Poncelet setzt sich zusammen aus zwei wirklichen Fällen, die Sister Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch geschildert hat. Die katholische Nonne hat in den Achtzigern Männer in der Todeszelle betreut, und die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat, ließen sie zu einer entschiedenen Kämpferin gegen die Todesstrafe werden.

Als ihr Tim Robbins sein Drehbuch schickte, verstand Sister Helen erst mal kein Wort von der Fülle filmtechnischer Anweisungen. Später dann fügte sie selbst die eine oder andere Szene ein, weil ihr das Bild, das die Geschichte von Nonnen entwarf, zu brav und bieder erschien.

Für die Mörder-Rolle konnte Robbins Sean Penn gewinnen – und seine Lebensgefährtin Susan Sarandon mußte er nicht lange überreden, denn sie war es, die den Stoff entdeckt hatte. Als Robbins mit dem Projekt bei den Studios vorsprach, mußte er sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht besser sei, wenn der Delinquent unschuldig wäre…Finanziert wurde der Film schließlich aus Großbritannien.

Selbst einmal kurz im Gefängnis, nachdem er 1987 alkoholisiert einer Verhaftung Widerstand geleistet hatte, konnte Sean Penn für seinen Part zum Teil auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Aber das kann seine Leistung in dieser Rolle kaum erklären: Als Südstaaten-Prolet schafft er es, Gefühle zu erwecken, ohne je um Sympathie zu buhlen. Im Gegenteil: Eigentlich tut sein Poncelet alles, um dem Feindbild zu entsprechen, das die Öffentlichkeit von seinesgleichen hat. Aber je mißtrauischer, kälter und arroganter er ist, desto menschlicher wirken seine Reaktionen im Angesicht des Todes.

Susan Sarandon hat hingegen ohnehin von jeher die Sympathien auf ihrer Seite. Und sie spielt hier nicht etwa eine Heilige, die um jeden Preis versucht, Gutes zu tun, sondern eine Frau, die von der Situation genauso überfordert ist wie jeder andere. Aber je weniger sie ihr Gegenüber versteht, desto entschlossener scheint sie sich ihm verständlich zu machen. Ihre Erscheinung, die mit den gängigen stromlinienförmigen Idealen nichts gemein hat, war noch nie so berührend wie hier. Dafür hat sie im fünften Anlauf nun endlich ihren längst verdienten Oscar gewonnen.

Natürlich können sich die beiden aber auch bei ihrem Regisseur Tim Robbins bedanken, der aus eigener Erfahrung weiß, was Schauspieler brauchen. Er will aus seinen Figuren keine Märtyrer oder Helden machen, sondern nur zeigen, wie wenig mit so einem Verfahren der Menschlichkeit gedient ist.

Damit man es sich mit dem Mörder jedoch nicht zu leicht macht, blendet Robbins im Verlauf des Films immer wieder die Szenen des brutalen Mordes dazwischen.

Selbst als die Wirkung der Todesspritze bereits eingesetzt hat, vergißt er nicht, an diesen Schrecken zu erinnern. Robbins macht es sich also nicht leicht – und den Zuschauern auch nicht.

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