24. Dezember 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Crazy for you

Sieger für einen Sommer

CRAZY FOR YOU: Ein Film von Harold Becker

Warum versäumen die meisten Kinobegeisterten nur ungern die „Sportschau“? Schon der selige Ludwig Maibohm, Radio-Sportreporter und Autor eines Buches über Fritz Lang, bezeichnete einst ein Spiel des 1. FC Nürnberg als „einen Krimi und einen Hitchcock“. Womit angedeutet ist, daß es um Suspense geht Aber außerdem interessieren wir uns bei Sport und Kino für die Superstars und ihre sidekicks. Und genauso wichtig sind natürlich die Geschichten hinter den Kulissen.

Ringen gehört zu den vergleichsweise langweiligen Sportarten. Das fand anfangs auch Regisseur Harold Becker, als er die Romanvorlage zu CRAZY FOR YOU zu lesen bekam. Doch dann entdeckte er die intellektuellen Qualitäten dieses Sports und erzählte nun, wie der Colleges-Ringer Louden Swain zum Mann wird und sich selbst findet. Der schildert die Geschichte eines Sommers, einer Herausforderung und seiner ersten Liebe als Rückblende, als Entwicklungsroman im Imperfekt. Seine Sätze aus dem Off zeigen allerdings, daß er zum Ringer mehr Talent besitzt als zum Dichter. Und, daß der Regisseur mit der physischen Auseinandersetzung doch mehr anzufangen weiß als mit der psychischen.

Es geht um eine Love story und ein Kapitel aus einer Success story. Louden (Matthew Modine) trainiert und speckt ab, weil er beschlossen hat, diesen Sommer von sich reden zu machen, indem er gegen den weit und breit besten Ringer einer niedereren Gewichtsklasse antritt Als jedoch er und sein Vater eine auf dem Weg nach Kalifornien gestrandete Künstlerin (Linda Fiorentino) in ihr Haus aufnehmen, leidet seine Konzentration beträchtlich. Obwohl wir uns in Hollywood befinden und also wissen, wie die Sache ausgehen wird, bleibt die Geschichte spannend. Vor allem deshalb, weil uns Becker weismachen will, wichtiger als die äußere Bewegung sei die nach innen. Der amerikanische Traum wird also in einen persönlichen Reifungsprozeß gekehrt. Doch ohne die äußerliche Entsprechung, den Erfolg, wäre CRAZY FOR YOU nicht halb so gut. Das sind schließlich die Regeln auf dem Spielfeld des Genres.

Was das mit Sport zu tun hat? Loudens väterlicher Freund Elmo erzählt von einem Erlebnis vor dem Fernsehen, wie er heulen mußte, als er Pelé beim Torschuß erlebte. Dasselbe wird sich bei Loudens entscheidendem Ringkampf wiederolen. Aber das kann vielleicht nur verstehen, wer schon einmal feuchte Augen bekam, als die Bayern den Europacup holten.

(In München im Arena.)

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