22. Januar 1996 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Copykill

Overkill

Konzeptkünstler des Tötens, Ungeheuer der Gegenwart: Serienmörder sind im Kino groß in Mode. COPYKILL treibt das Spiel des Grauens auf die Spitze

Mord sei eine schöne Kunst, hat mal jemand gesagt, der es wissen muß. Raymond Chandler hat damit natürlich vor allem seine eigene Arbeit gemeint, aber man kann diesen Satz ruhig auch beim Wort nehmen. Wenn man mal von Schmerz und Wut und Trauer absieht, dann wird beim Mord gegen die Regeln der Gesellschaft verstoßen, um einer eigenen Ordnung zu folgen. Darauf ließe sich im Ernstfall auch das Wesen der Kunst reduzieren.

Faszinierende Untaten haben die Menschen schon immer beschäftigt, aber nichts nimmt die Vorstellungskraft ähnlich gefangen wie der Serienkiller. Für einzelne Morde lassen sich immer noch Erklärungen finden, die den Schrecken in Grenzen halten. Denn wer aus Eifersucht oder Gier handelt, hat sozusagen einen guten Grund. Wer aber öfter tötet, der hat zwar vielleicht auch seine Gründe, ist sich ihrer jedoch kaum bewußt. Serienmörder entziehen sich allen rationalen Erklärungsversuchen, ihre Taten sind nach allgemeinen Maßstäben kaum zu fassen.

In einer Zeit, die sich für durch und durch aufgeklärt hält, sind Serienmörder ein unerklärliches Phänomen. In einer Welt, die mit Märchen nicht mehr viel anfangen kann, kommen sie dem, was man das Böse nennt, am nächsten. Was sie tun, das müssen sie tun. Wobei der wahre Schrecken in dem Kontrast zwischen der Getriebenheit zum einen und ihrer Durchtriebenheit zum anderen liegt. Einerseits sind sie ohnmächtig ihren Trieben ausgeliefert, andererseits entwickeln sie in ihrem Treiben ein teuflisches Geschick. Zuletzt hat SIEBEN mit großem Erfolg vorgeführt, mit welch diabolischer Intelligenz ein Serienmörder ans Werk geht.

Vermutlich sind diese Killer deshalb im Film immer so populär gewesen: weil sie für das Kino das sind, was der Teufel im Puppentheater ist. Und vielleicht ist das der Grund, warum Serienkiller zur Zeit so groß in Mode sind: Die Geister des Kalten Kriegs sind verschwunden, jetzt ist die Zeit reif für neue Ungeheuer.

DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER hat die Serienkiller sogar oscartauglich gemacht. Aber dieser Film ist – genauso wie KALIFORNIA, NATURAL BORN KILLERS, DER TOTMACHER, SIEBEN und nun COPYKILL – nur die Spitze des Leichenbergs. Im Horrorfilm und Billigthriller sind Serienmorde längst alltäglich. Der Unterschied ist jedoch, daß die genannten Filme nicht nur auf Schockeffekte aus sind, sondern das Thema auf psychologische und gesellschaftspolitische Weise beleuchten.

COPYKILL ist der vorläufige Schlußpunkt einer Entwicklung, bei der Serienmörder immer mehr wie Konzeptkünstler behandelt werden. Der Titel läßt schon ahnen, daß der Copykiller berühmte Serienmörder nachahmt. Er mordet sozusagen nach Vorlage – die Reihe seiner Morde ergibt ein Lexikon des Grauens. Vom „Boston Strangler“ Albert DeSalvo über die „Hill-side Stranglers“ Buono & Bianchi, vom „Son of Sam“ David Berkovitz über den Milwaukee-Mörder Jeffrey Dahmer bis hin zu Ted Bundy würdigt er seine Vorbilder. Je mehr Entsetzen der Film allerdings anhäuft, desto weniger funktioniert er. Am Ende hat man den Eindruck, daß das Kino mit dem Grauen nur noch ein Spiel treibt. Diagnose: Overkill.

Wenn man den Mord als schöne Kunst betrachtet, dann besteht die Schönheit der Serie in der makabren Ordnung, die sie herstellt. Das sind in diesen Filmen die schrecklichsten und die spannendsten Momente: wenn die Verfolger hinter das Muster kommen, dem die Mörder folgen. Wenn sich herausstellt, daß die sieben Todsünden nachgestellt werden oder die Fundorte der Leichen auf dem Stadtplan eine bestimmte Form ergeben. Oder wenn Sigourney Weaver in COPYKILL erkennt, daß die Reihenfolge der Morde der Gliederung eines Referats folgt, das sie vor Jahren an der Universität gehalten hat.

So schließt sich der Kreis: Die Psychologin, die Mörder erforscht, löst mit ihren Forschungen neue Morde aus. Genau wie der Killer hat sie den Wunsch, mit ihrer Arbeit berühmt zu werden, und ist ihm daher gar nicht so fremd. Die Jägerin und der Gejagte könnten am Ende sogar fast Komplizen sein.

Todesliste: Die realen Vorbilder des Filmkillers

Der Massenmörder von Düsseldorf
Täter: Peter Kürten, Düsseldorf, 9 Morde, 32 Mordversuche, 3 Überfälle, 1 versuchte Notzucht, 27 Brandstiftungen (1913-1930).
1931 hingerichtet.
Besonderes Kennzeichen: annoncierte die Leichen in Lokalzeitungen
Hommage: Der Copykiller verwendet seinen Namen.

Der Boston Strangler
Täter: Albert DeSalvo, Boston/USA, 5 Morde an Frauen, nicht alle einwandfrei nachgewiesen (1962-1964).
1979 in seiner Gefängniszelle erstochen.
Besonderes Kennzeichen: selbstbewußt und dreist, zeigte sich selbst an
Hommage: Der Copykiller imitiert seinen Mord in der Badewanne.

Ted Bundy
Täter: Theodore R. Bundy, Florida/USA, 36 Morde an jungen Frauen (1973- 1975).
1989 auf elektrischem Stuhl hingerichtet.
Besonderes Kennzeichen: Überfall in Gainesville, 3 Tote in einer Nacht
Hommage: Auch der Copykiller will drei Frauen in einer Nacht töten.

Son of Sam
Täter: David Berkovitz, New York/USA, 6 Morde, 7 Mordversuche (1976- 1977).
Lebt in einer psychiatrischen Anstalt.
Besonderes Kennzeichen: gab an, auf Befehl eines Dämons zu handeln
Hommage: Der Copykiller erschießt ein Mädchen im Auto.

Die Hillside Stranglers
Täter: Angelo Buono & Kenneth Bianchi, Los Angeles/USA, 10 Morde und Folterungen an Frauen (1977-1978).
Sitzen lebenslänglich.
Besonderes Kennzeichen: verkleideten sich gern als Polizisten
Hommage: Der Copykiller tötet eine Anhalterin mit Giftspritzen.

Der Milwaukee-Mörder
Täter: Jeffrey Dahmer, Milwaukee/USA, 17 Morde an Männern, Kannibalismus (1978-1991).
1994 im Gefängnis von einem Mithäftling erschlagen.
Besonderes Kennzeichen: trennte Opfern den Kopf ab
Hommage: Der Copykiller tötet den homosexuellen Assistenten der Psychologin

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