08. Oktober 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Contact

Gott, Goethe und andere Außerirdische

Das amerikanische Kino weiß fast alles – jetzt stellt Robert Zemeckis mit dem Film CONTACT die Gretchenfrage

Wenn es etwas gibt, was das amerikanische Kino auszeichnet, dann ist es jene Fähigkeit, die kompliziertesten Sachverhalte so einfach wie möglich darzustellen. Autismus, Quantenphysik, Holocaust. Oder auch: Freud, Einstein, Marx. Oder: Gibt es außerirdische Intelligenz? Gibt es einen Gott? All diese Dinge verhandelt das amerikanische Kino mit mindestens 120 Stundenkilometern. Dieser Hang zur Vereinfachung ist seine unvergleichliche Stärke – und natürlich auch seine größte Schwäche.

Robert Zemeckis gehört zu den Regisseuren, die das besonders gut beherrschen. In ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT hat er über Zufall und Notwendigkeit nachgedacht, in FALSCHES SPIEL mit Roger Rabbit das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit untersucht und in FORREST GUMP die amerikanische Nachkriegsgeschichte verarbeitet. Schwere Kost, leicht serviert. In CONTACT geht es um Außerirdische, Gott und das Jenseits, was irgendwie alles dasselbe ist und irgendwie auch wieder nicht. Nicht die Antworten zählen, sondern die Fragen. Helmut Krausser hat in dieser Zeitung CONTACT einen „beschissenen Film” genannt (SZ vom 20./21. September) – und auf gut 300 Zeilen über die darin angeschnittenen Themen nachgedacht. In dieser Diskrepanz liegt das ganze Geheimnis des amerikanischen Kinos.

Im Kino gab es in letzter Zeit reichlich Gelegenheit zum Kontakt mit Außerirdischen: Mal hieß es, sie seien schon unter uns, mal, sie wollten die Erde vernichten – in der Regel sahen sie aus wie die kleinen grünen Männchen, die uns von Kindesbeinen an verfolgt haben. CONTACT hält sich mit solchen Äußerlichkeiten nicht lange auf, sondern tritt eine Reise nach innen an. Und dabei gelingt es Zemeckis so zu tun, als sei dies der allererste Film, der sich mit der Frage beschäftigt, wie die Kontaktaufnahme im einzelnen aussehen könnte.

Jodie Foster spielt, was sie immer spielt: das Wunderkind, das früh schon weiß, daß es nur in der Arbeit finden kann, was die Eltern durch Abwesenheit ihr verwehrt haben: Zuneigung, Liebe, Halt. Sie kommt praktisch schon mit Kopfhörern auf den Ohren zur Welt und lauscht fortan ins All. Und als nach der Mutter auch noch der Vater früh stirbt, ist klar, was sie dort draußen zu finden hofft. Auf ihrer Reise ins All wird sie von allerlei Vaterfiguren umgeben sein, aber den richtigen Vater kann sie am Ende nur in sich selbst finden. Gott ist ihr jedenfalls keine Hilfe dabei.

Man muß nicht unbedingt verraten, wie der Kontakt vonstatten geht, denn das ist durchaus Teil des Vergnügens an diesem Film, aber es gibt einen Moment, da die Welt entscheiden muß, wer von den Menschen als Kontaktperson für die Außerirdischen auserwählt wird. Und Jodie Foster liegt gut im Rennen, bis sie vor dem Auswahlausschuß buchstäblich die Gretchenfrage beantworten muß: „Nun sag: wie hast du’s mit der Religion?” Denn sie könne die Menschen eben nur dann würdig vertreten, wenn sie auch den Glauben an Gott teile. Die Theateraufführung des Faust möchte ich sehen, die bei dieser Frage eine ähnliche Spannung aufbaut und von ihrer Beantwortung ähnlich viel abhängig macht. Contact mag sich zu Goethe verhalten wie Fastfood zu Haute cuisine, aber satt wird man davon allemal.

Der Hauptdarsteller mag grauenhaft sein, die Liebesgeschichte überflüssig, die Geschichte langsam, die Phantasie beschränkt, aber der Film funktioniert. Und es gibt auch eine Einstellung, bei der man begreift, warum das wohl so ist. Da sitzt Jodie Foster mit einem großen Strohhut in der sengenden Hitze Neumexikos vor einer endlosen Reihe von Radioteleskopen, die sich alle auf Tastendruck ihres kleinen Laptops gleichzeitig schwenken lassen. Nicht nur daß sie durch das Rund ihres Hutes selbst aussieht wie ein menschliches Teleskop, macht die Szene so bewegend, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sich hier der Traum eines kleinen Mädchens im großen Maßstab verwirklicht. Wenn die riesenhaften Antennen parallel ihre Richtung ändern, ist es so, als ob sich die Welt ganz und gar dem Willen und der Vorstellung dieses Mädchens unterordnete. Wo Hollywood so unnachahmlich regiert, soll wenigstens der alte Goethe das letzte Wort haben: „Webt nicht alles in ewigem Geheimnis unsichtbar-sichtbar neben dir? Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, und wenn du ganz in dem Gefühl selig bist, nenn es dann, wie du willst: Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgut. ” Schöner hätte das Zemeckis auch nicht sagen können.

CONTACT, USA 1997 – Regie: Robert Zemeckis. Buch: James V. Hart und Michael Goldenberg nach einem Roman von Carl Sagan. Kamera: Don Burgess. Schnitt: Arthur Schmidt. Musik: Alan Silvestri. Darsteller: Jodie Foster, Matthew McConaughey, Tom Skerritt, Angela Bassett, John Hurt, David Morse, James Woods, Rob Lowe, Larry King. Verleih: Warner. 149 Minuten.

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