13. Mai 1986 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Auf kurze Distanz

Ein paar Nummern zu groß

AUF KURZE DISTANZ: Ein Film von James Foley

Eine Sommernacht in Tennessee, hier die Mädchen, dort die Jungs. Man gibt Desinteresse vor und wartet in Wirklichkeit auf Blicke, Worte, auf Vorwände. Also auch auf Sensationen. Ein Junge nähert sich im Auto, läßt den Arm lässig aus dem Fenster hängen und seinen Blick schweifen. Ein Mädchen kaut auf den Nägeln, blickt fahrig und doch mit kaum verhohlenem Interesse immer wieder herüber. Dann folgt eine klassische Mutprobe, die Freunde reißen anzügliche Witze und der Junge geht auf das Mädchen zu. Er wendet sich zuerst an die Freundin und fragt dann eher beiläufig das Mädchen, ob man sich morgen hier wiedersehe. Vielleicht Ein herrlicher, vielversprechender Beginn: Man kennt sich aus, weiß, mit wem man es zu tun hat. Alles ist klar. Der Film ist in Breitwand, die Exposition in leichter Zeitlupe, und die Kamera bringt mit sanften Fahrten die Dinge zum Tanzen.

Der Junge heißt Brad, wird gespielt von Sean Penn, und man weiß endlich, warum Madonna ihn geheiratet hat: Kein schöner Mann, aber einer mit Ausstrahlung, voll trotziger Energie, aber auch voll Sehnsucht nach dem einfachen, ruhigen Glück. Christopher Walken spielt Penns Vater, der nach langer Abwesenheit mal wieder im Haus seiner Ex-Frau vorbeischaut und mit Gönnermiene ein paar hundert Dollar auf den Tisch blättert. Walken stellt den Country-Stenz mit gewohnt leichenblasser Kälte dar, macht durch sein großspuriges Auftreten klar, daß er eigentlich eine kleine Nummer ist: Denn so einer zahlt für seine Siege irgendwann mit einer bitteren Niederlage – im Film sowieso. Der Vater heißt auch Brad, sein Auftreten beeindruckt den Sohn, der also bei der Bande seines Vaters, die Traktoren im großen Stil klaut mitmachen will. Und noch immer ist in AUF KURZE DISTANZ alles klar.

Doch dann stellt sich leider heraus, daß der junge amerikanische Regisseur James Foley mit seinem zweiten Spielfilm zu hoch gegriffen hat: AUF KURZE DISTANZ kann die Versprechen des Anfangs nicht einhalten, der Film wird von der Unverhältnismäßigkeit seiner Mittel, von Mißverständnissen und eigenen Widersprüchen zerrissen. Das Breitwandformat wird der Geschichte bald zu groß, der epische Erzählgestus bläht den Film unnötig auf und dem Hinweis auf die Authentizität des Falles, auf seinen dokumentarischen Charakter, wird durch die streng stilisierten Bilder ständig widersprochen.

Der Film ist nicht zuletzt deswegen so aus dem Gleichgewicht weil er in Ansätzen nicht nur talentiert, sondern im besten Sinne routiniert wirkt. Wenn etwa das junge Paar in eine kurze Freiheit entlassen wird und sich die Kamera nach einem kurzen Schwenk über die Getreidefelder erhebt mit einer sanften Bewegung emporschwebt und der Zuschauer den Boden unter den Füßen verliert, dann bekommt der Film eine beschwingte Ruhe, die den Kontrast bilden könnte zur sinnlos brutalen Gewalt mit der der Vater Brads Freunde als Mitwisser beseitigt. Doch dem Vater-Sohn-Drama wird kein Raum gelassen, die Sprengkraft erstickt in den als Stilleben arrangierten Bildern. Irgendwann stellt sich die ernüchternde Frage, was den Regisseur eigentlich an dieser Geschichte interessiert haben mag.

Einmal wird Brad auf der Straße beim Trampen von einer Amish-Kutsche überholt. Da habe ich mich an Peter Weirs Film DER EINZIGE ZEUGE erinnert der zeigt, wie man Genre-Regeln umgehen kann, ohne sie zu leugnen; und wo eine Kranfahrt einen Sinn hat weil in ihrem Zauber der Gegensatz bereits mitgedacht ist.

(In München im Karlstor und Royal.)

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