17. Oktober 1994 | Süddeutsche Zeitung | Konzert-Kritik, Rezension | Willie Nelson im Circus Krone

Auftritt einer lebenden Legende: Willie Nelson im Circus Krone

Ein Auftrieb wie beim Rodeo. Alle sind sie gekommen für den letzten echten Cowboy der Branche, haben den Stetson abgestaubt und sich nochmal in ihre Stiefel und Lederjacken gezwängt. Da stehen sie dann, die harten Männer aus Pasing und Laim, und lassen sich erzählen, was sie schon wissen: Daß das Leben verdammt hart sein kann. Keiner weiß das besser als Willie Nelson, der es damit immerhin zur lebenden Legende gebracht hat. Weil aber auch Legenden Steuern nachzahlen müssen, ist er jetzt wieder unterwegs, 61 Jahre alt und kein bißchen weise.

Damit man gleich weiß, was los ist, wird erst mal Whiskey River runtergeharkt, und dann Funny How Time Slips Away weggenuschelt, und alles ist laut und schrecklich, außer Willie, der leise ist und krächzt. Das ist auch ein harter Job, für einen Haufen falscher Cowboys die eigenen Greatest Hits durchzunudeln. Und während man grade noch denkt, Funny, wie die Zeit verrinnt, da gerät der alte Löwe doch langsam in Fahrt, und seine Jungs kriegen sich auch langsam wieder ein – und auf einmal ist alles Gold, und der Himmel wird blau, und wir sind in Texas.

Blue Eves Crying in the Rain und Georgia on My Mind und Little Things, da ist er mit seiner seltsam schnarrenden Stimme ganz bei sich, und er könnte eigentlich seine Combo heimschicken, wenn sie nicht bei My Heros Have Always Been Cowboys oder Bloody Merry Morning dafür sorgen würden, daß alles schön laut und flott und zum Mitsingen ist. Und wenn es dann heißt: On the Road Again ist der Zirkus ohnehin nicht mehr zu bremsen. Und Willie Nelson auch nicht, dessen Gesicht keinen Tag jünger aussieht als es ist, aber dessen scharfer, klarer Blick wirklich bis in die letzte Reihe reicht – und vermutlich auch noch weiter. Und nach Art der Cowboys bietet er auch was für sein Geld und liefert gute zweieinviertel Stunden ehrliche Arbeit ab und am Ende Autogramme für jeden. Und die Coyboys aus Pasing und Laim stehen mit ihren Stetsons am Rand, nicken beifällig und verziehen keine Miene. So macht man das in Texas.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


18 − 3 =