01. Juni 1998 | Süddeutsche Zeitung | Rezension, Videoclip-Kritik | This Is Hardcore

Kultur: This Is Hardcore das Video von Pulp

Beste Platte, bestes Video, keine Diskussion. Jarvis Cocker führt mit jener Art, als wäre er König der Welt, in drei Minuten durchs amerikanische Kino der vierziger und fünfziger Jahre. Die Welt war aus Technicolor, die Blondinen sahen entweder aus wie Anita Ekberg oder wie Lauren Bacall, und alle anderen wie Elizabeth Taylor, als sie noch jung und unverheiratet war. Überhaupt waren Blondinen bevorzugt, und die einzige Frage, mit der sie sich beschäftigten, lautete: Wie angele ich mir einen Millionär? Man trug Bikinis, als seien sie gerade erst erfunden worden, und benutzte Lippenstift, um klarzustellen, daß die Liebe eine blutig ernste Sache ist. Es gibt die ornamentale Choreographie von Busby Berkeley und die schießwütigen Gangster des Film Noir, in dem jeder ein Verlierer ist, ohne zu wissen warum. Pulp führt also durch eine Welt, in der alles künstlich und deshalb umso bewegender ist. Die Gesichter sind vielleicht aus Plastik, aber die Gefühle aus Fleisch und Blut. „This is Hardcore” sieht aus, als habe ihn jemand auf dem Müllhaufen der Filmgeschichte gefunden. Die Bilder wirken so, als habe Jarvis sie dem Kino gestohlen. Und das ist kein schlechter Ort, um sich zu bedienen. Fehlt nur noch Dean Martin, der die Sache beim Namen nennt: „That’s Amore!”

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