12. Juni 1997 | Süddeutsche Zeitung | CD-Kritik, Rezension | Nouvelle Vague

Wenn Blinde sehen könnten, dann wären sie wahrscheinlich enttäuscht, daß die Wirklichkeit nicht aussieht wie ein Film von Jean-Luc Godard. Sehende müssen mit dieser Enttäuschung ständig leben. Deshalb sollte man die Augen schließen und die neue CD auflegen, auf der die gesamte Tonspur von Godards Nouvelle Vague zu hören ist (Doppel-CD mit einem 96-seitigen dreisprachigen Beiheft. ECM New Series 1600/ 01) – ein echter Soundtrack also.
Der Film kam 1990 in die Kinos und handelte von einem Mann (Alain Delon) und einer Frau (Domiziana Giordano) und noch einem Mann, der vielleicht nur ein Doppelgänger des ersten ist. Es ging um die Liebe, also auch um Lüge, Täuschung und Betrug und um Zärtlichkeit, Stille und Geheimnisse. Und wie immer bei Godard war man mit dem Reichtum der Beziehungen zwischen den Bildern so beschäftigt, daß man kaum ein Ohr für das ähnliche komplexe Geflecht von Musik und Tönen hatte. Das Bild machte die Musik.

Jetzt, da man sich auf den Ton konzentrieren kann, begreift man noch besser, daß bei Godard die Welt Klang ist und vor allem: der Klang eine Welt für sich. Man hat geradezu den Eindruck, es läge tatsächlich überall Musik in der Luft, wenn man nur Ohren hätte, sie auch zu hören. Alles, was klingt und schwingt, tönt und redet, bekommt einen festen Platz im Orchester der Welt zugewiesen. Die Welt wirkt wie instrumentiert.

Vogelzwitschern geht über in einen Song von Patti Smith, Blasinstrumente in Autohupen. Das Neben-, Durch- und Ineinander von Tönen ergibt ein ganzes Orchester. Sein Spiel geht auf den Hörer nieder wie Wellen, die auf den Strand zurollen. Ein Hundebellen hier, die verwitterte Stimme von Alain Delon dort, und Musik von Schoenberg oder Hindemith, Meredith Monk oder Dino Saluzzi anderswo.

Dieses Klangbild namens Nouvelle Vague ist das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem Münchner Musikproduzenten Manfred Eicher, der von jeher Godards Umgang mit der Tonspur faszinierend fand und dem Meister irgendwann einfach Musik von Arvo Pärt und David Darling schickte. Godard schrieb ihm zurück, er solle ihm noch mehr Musik schicken: „Ich hatte den Eindruck, daß wir uns mehr oder weniger im selben Land bewegen: er mit Tönen, ich mit Bildern. Die Musik machte uns Lust, einen Film zu machen. Oft vermittelten uns die Töne den Eindruck, wir seien von den Bildern allein gelassen oder aus dem Land der Bilder ins Exil vertrieben worden. Es war, als würde man Musik aus Filmen hören, die es nicht gibt. ”

Daß es diesen Film schon gibt, ändert an dieser Empfindung wenig. Die Töne lösen sich bald von den Bildern der Erinnerung. Und weil sich wie von allein die Frage stellt, was wohl Blinde dabei hören (oder sehen), liegt der CD ein Büchlein bei, in dem ein Artikel nachgedruckt ist, den Claire Bartoli für Trafic geschrieben hat.

Die seit ihrem 21 Lebensjahr blinde Französin schreibt da: „Was ist das? All diese freischwebenden Wörter, abgeschossen wie Pfeile, die nie wieder zu Boden fallen, die sich davonmachen, uneinholbar, aus Büchern entsprungen oder in sich selbst eingeschlossen? Ich verliere mich ein wenig, bin verwirrt… ungewohnt für mein Ohr… diesen Gesang aus springenden Wörtern aufzunehmen, diese skandierten Worte, die zu magischen Formeln werden. Einsamkeit der Wörter. Antworten sie sich gegenseitig? Kleine Sätze, dahingeworfen wie Flaschen ins Meer. Wörter wie Feuer, blaue Wörter, die auf tiefen Wassern dahinschwimmen. ”

Man ahnt schon, wie komplex diese Kakophonie ist, wenn sogar Blinde, die es gewohnt sind, sich im Chaos der Töne zurechtzufinden, hier manchmal auch wie durch ein Labyrinth taumeln. Aber für die Sehenden ist es, als könnten sie plötzlich das Schweigen des Meeres hören.

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