29. März 1997 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 29.03.1997

Filme mit Flügeln

Wer an Ostern genau wissen will, wie das war mit Gott und Jesus, den Christen und den Heiden, der mag sich DIE BIBEL (Bayerisches Fernsehen, Samstag, Sonntag und Montag, 19. 45 Uhr), SPARTACUS (RTL, Sonntag, 13. 40) oder DAS GEWAND(ORF 1, Montag, 9. 20 Uhr) ansehen.

Wem es nicht ganz so biblisch zumute ist, hat immer noch ein strammes Programm vor sich. Einen der schönsten Filme aus dem Hollywood der Fünfziger Jahre zum Beispiel. Raoul Walshs BAND OF ANGELS, der hier unter dem wunderbaren Titel WEINT UM DIE VERDAMMTEN (Kabel 1, Samstag, 17. 50 Uhr) lief. Yvonne De Carlo spielt eine Südstaatenschönheit, die nach dem Tod des Vaters erfährt, daß ihre Mutter eine schwarze Sklavin war, und sich plötzlich in der Hand von Sklavenhändlern wiederfindet. Sie wird von Clark Gable ersteigert, und man kann sich vorstellen, daß die beiden eine pikante Beziehung verbindet: Hochmut und Demütigung, Männerehre und Frauenstolz. Die schönste Szene ist, wenn Gable mit einem alten Freund im blühenden Hof seines Hauses in New Orleans trinkt und Erinnerungen austauscht, während langsam ein Unwetter aufzieht, das die Blüten rascheln und die Fensterläden schlagen läßt. Der Rest ist eine Flucht durch die vom Bürgerkrieg entflammten Baumwollfelder des amerikanischen Südens.

Ein anderer Film, an dem der alte Haudegen Raoul Walsh gearbeitet hat, ist Bretaigne Windusts DER TIGER (ZDF, Nacht zum Montag, 1. 05 Uhr), in dem Humphrey Bogart gegen einen Mordsyndikat kämpft, das mit perfekten Alibis arbeitet. THE ENFORCER ist auf ganz andere Art ein ebenso bizarr schillernder Stoff, der zeigt, zu welch giftigen Blüten das Hollywood-Kino der späten Fünfziger fähig war.

Anfang des Jahrzehnts entstanden farbenprächtige Abenteuerfilme, in den sich die größten Gefühle mit allergrößter Selbstverständlichkeit Bahn brechen konnten. Jacques Tourneurs DER REBELL (Kabel 1, Montag, 14,55 Uhr) mit Burt Lancaster und Virginia Mayo, der im Original den viel schöneren Titel THE FLAME AND THE ARROW hatte, oder SAMSON UND DELILAH (Kabel 1, Montag, 16. 30 Uhr) mit Victor Mature und Hedy Lamarr, die in großartiger, mit einem Oscar gekrönter Kulisse, die auf atemberaubende Weise einstürzt, ihr trauriges Geschick erleiden. Besonders ergreifend ist jene Szene, in der Lamarr der erblindete und an einen Mühlstein gekettete Mature vorgeführt wird.

Einer der ganz großen Regisseure der folgenden Jahrzehnte war Blake Edwards, der mit seiner Ehefrau Julie Andrews die charmantesten Filme gedreht hat: DARLING LILI (SAT. 1, Sonntag, 9 Uhr) war zwar damals ein ziemlicher Flop, ist aber eine ziemlich amüsante Geschichte, in der die deutsche Spionin Andrews im ersten Weltkrieg an den englischen Offizier Rock Hudson gerät. Wenn diese Liebesgeschichte also sozusagen einen doppelten Boden hat, dann ist Victor / Victoria (Bayerisches Fernsehen, Samstag 22. 20 Uhr) eine um drei Ecken gedachte Romanze. Ein Mann (James Garner) verliebt sich in eine Frau, die so tut, als sei sie ein Mann, der eine Frau spielt. Im Anschluß läuft Rolf Schünzels Original aus dem Jahr 33 (Bayerisches Fernsehen, Sonntag, 0. 35 Uhr).

Niemand beherrschte das Spiel mit Schein und Wirklichkeit besser als Claudette Colbert in Mitchel Leisens ENTHÜLLUNG UM MITTERNACHT (WDR, Montag, 23. 50 Uhr), einem der lustigsten Filme überhaupt. Eine Amerikanerin verschafft sich mit dem Pfandschein für ihren Pelzmantel Einlaß in die bessere Pariser Gesellschaft und hält alle zum Narren, während ein ungarischer Taxifahrer (Don Ameche) die halbe Stadt in Bewegung versetzt, um sie wiederzufinden.
Drei Schauspieler, die zeigen, daß es auch heute noch in Hollywood mehr auf Präsenz als auf irgendwas sonst ankommt. Kevin Costner lebt ohnehin von dieser Einsicht, auch wenn er sich in JFK – TATORT DALLAS (SAT. 1, Montag 19 Uhr) häufig umsonst bemüht, gegen die Brillanz von Oliver Stones verschwörerischer Inszenierung anzuspielen. Tom Cruise hingegen kann in RAIN MAN (ZDF, Sonntag, 21. 50 Uhr) ganz locker gegen Dustin Hoffman bestehen, obwohl der Oscar-Gewinner alle Register seines schauspielerischen Könnens zieht, um den Idioten zu geben. Wer es noch nicht gemerkt haben sollte: Der Film ist ein schamloses Remake von ALLES UM ANITA, in dem Dean Martin und Jerry Lewis genau dieselben Abenteuer zwischen Highway und Casino erleben.
Richard Gere mag als manisch Depressiver MR. JONES (RTL, Montag, 20. 15 Uhr) an der Seite von Lena Olin vielleicht nicht dieselbe pathologische Wahrhaftigkeit an den Tag legen wie Dustin Hoffman, aber unter der Regie von Mike Figgis (Leaving Las Vegas) beweist er, daß man keine Flügel braucht, um fliegen zu können. Und das ist doch eine ziemlich frohe österliche Botschaft.

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