28. Juni 1996 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 28.06.1996

Eigentlich ist Filmfest, und da gibt es mehr als genug zu sehen. Wem volle Kinos jedoch ein Graus sind oder das Anstehen um Karten zu blöd ist oder das Filmfest aus anderen Gründen auf den Wecker geht, für den gibt es immer noch Auswege.

Hand um Hand

Das Filmmuseum beschließt am heutigen Freitag seine Reihe über Peter Lorre. Um 18 Uhr läuft MAD LOVE von Karl Freund, bei dem Graham Green ganz aus dem Häuschen war: ‚Lorre kann einen, allen körperlichen Handicaps zum Trotz, vom Guten, vom Zärtlichkeitshunger seiner ins Laster verstrickten Seele überzeugen. Jene gefühllosen Pupillen in dem weichen Kugelgesicht sind wie Okulare eines Mikroskops, durch die man, flach ausgebreitet wie auf dem Deckglas, das verwirrte Gemüt eines Menschen erkennen kann: Liebe und Gier, Noblesse und Perversion, Selbsthaß und Verzweiflung springen einem entgegen.‘ Chaplin soll bei dieser Geschichte eines verrückten Wissenschaftlers, der einem Konzertpianisten die Hände eines Mörders annäht, gesagt haben, Peter Lorre sei der größte lebende Schauspieler.

Auch in THE BEAST WITH FIVE FINGERS von Robert Florey (21 Uhr) aus dem Jahr 1946 geht es um das Eigenleben von Händen. In diesem Fall verselbständigt sich die Hand eines einarmigen Pianisten nach seinem Tod, um die Erben zu terrorisieren. Bunuel behauptete, die Idee mit der mörderischen Hand sei von ihm: ‚Peter Lorre und Robert Florey gingen zu ihrem Produzenten, während ich vor dem Büro warten mußte. Als sie wieder rauskamen, zeigte Florey mit dem Daumen nach unten. Später in Mexiko habe ich den Film gesehen, und die Szene war zur Gänze drin. Ich wollte prozessieren, aber jemand sagte mir, daß Warner Brothers allein in New York 64 Anwälte sitzen hat. Da habe ich doch nichts unternommen.‘

Himmlischer Friede

Das Maxim zeigt zu seiner Reihe chinesischer Filme bis Mittwoch um 21 Uhr die dreistündige amerikanische Dokumentation DAS TOR DES HIMMLISCHEN FRIEDENS von Richard Gordon, in der nachgezeichnet wird, welche Entwicklungen und Vorstellungen zu den Ereignissen des Jahres 1989 führten. Von Donnerstag an läuft dann um 19 Uhr ROTE PERLEN von He Yi, eine Geschichte aus der Psychiatrie, um 21 Uhr WINTERTAGE, FRÜHLINGSTAGE von Wang Xiaoshuai, und um 23 Uhr REGENWOLKEN ÜBER WU SHAN von Zhang Ming.

George Sanders 90

Die Lupe hat die charmante Idee, zum 90. Geburtstag von George Sanders am Mittwoch um 18 Uhr Rossellinis REISE NACH ITALIEN und um 20.15 Uhr Hitchcocks MORD zu zeigen. Sanders kann den Engländer so unwiderstehlich wie kein anderer spielen. Besonders eindrucksvoll kann man das in seiner Rolle als Ingrid Bergmanns Ehemann in VIAGGIO IN ITALIA sehen, über den Jacques Rivette schrieb, mit seinem Erscheinen seien alle Filme plötzlich um zehn Jahre gealtert: ‚Es ist unmöglich, daß man VIAGGIO sieht und nicht schlagartig erkennt, daß dieser Film eine Bresche öffnet, durch die das ganze Kino hindurch muß.‘

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