26. Juni 1992 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 26.06.1992

Wer in der Woche des heiligen Eberhard lieber Film statt Fest möchte, kann durchaus auch glücklich werden. Es gibt Alternativen, vor allem im Arena, wo Kaurismäki rauf und runter gespielt wird.

Reim auf große Literatur

1976 war Aki Kaurismäki ‚Postbeamter der untersten Stufe im Gouvernement N.‘, da schob ihm einer seiner Wohnungsgenossen Henry Murgers Roman „Das Leben der Bohème“ durch den Türspalt. ‚Man könnte sagen, daß in diesem Augenblick die bourgeoise Periode meines Lebens endete. Erst vier Stunden später, nachdem ich das Buch gelesen hatte, fing sie wieder an. Ich beschloß sofort, einen Film zu machen der auf dem Buch basierte, und gab deshalb sogar meine schlecht bezahlte Stelle auf.‘ Anderthalb Jahrzehnte später erst konnte der Finne den Film machen, nachdem er ‚bereits Meisterwerke von Dostojewski und Shakespeare so rüpelhaft verunstaltet‘ hatte, daß er dachte, man würde ihm nie verzeihen. Was Kaurismäkis Filme so einzigartig macht, ist sein Bedürfnis, sich einen Reim auf die große Literatur zu machen. Murgers LEBEN DER BOHÈME läuft am Sonntag um 20.30 und 22.30 Uhr; Dostojewskis SCHULD UND SÜHNE am Dienstag um dieselbe Zeit sowie am Samstag in der Spätvorstellung als Double Feature mit LENINGRAD COWBOYS; Shakespeares HHAMLET GOES BUSINESS am Samstag um 20.30 Uhr. Dazu am Freitag I HIRED A CONTRACT KILLER, am Mittwoch der Erstling CALAMARI UNION und am Donnerstag DAS MÄDCHEN AUS DER STREICHHOLZFABRIK.

Pink Flamingo

Heute um 23 Uhr zeigt das Werkstattkino nochmal das pneumatische Busenwunder Jayne Mansfield in Terence Youngs PLAYGIRL AFTER DARK, der in England den schöneren Titel TOO HOT TO HANDLE hatte: Trash vom Feinsten. Die Mansfield spielt eine Stripperin namens Midnight, die dem Nachtclub Pink Flamingo vorsteht. Und Karlheinz Böhm tritt auf als französischer Reporter, der das Milieu schätzt und dort seine Nächte verbringt. Man sollte bei all den exzessiven Formen an Jaynes Tod vor 25 Jahren denken, als ihr Buick nachts auf der Route 90 bei New Orleans auf einen Sattelschlepper auffuhr, der Star geköpft wurde und neben der Leiche ihres Chihuahuas Pupu landete.

Der letzte Tango

Wenn man Bertoluccis Film heute sieht, dann merkt man genauso wie bei Ferreris GROSSEM FRESSEN, was für ein reaktionäres Jahrzehnt die Achtziger waren. Heute werden die Grenzen viel enger gezogen als damals, und Tabus sind weniger eine Frage des Stils als des Stylings. Was damals in der Rue Jules Verne an Phantastischem passierte, ist auch heute, nach dem Tode von Francis Bacon, keine Selbstverständlichkeit – im Gegenteil. Die Lupe zeigt den Film am Donnerstag um 22.45 Uhr.

Dazu paßt QUERELLE, den das Filmmuseum heute zum Abschluß seiner Fassbinder-Reihe um 21 Uhr zeigt. RWF sagte: ‚Jemand muß sich in die tiefsten Tiefen dieser Gesellschaft begeben, um sich für eine neue befreien oder sich befreien zu können.‘

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