24. September 1993 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 24.09.1993

Antonioni im Filmmuseum: ‚Als exklusiver Auftakt wurde in Anwesenheit der Regisseurs einer auserlesenen Gästeschar BLOW-UP vorgeführt. Antonioni ließ sich bestaunen und feiern, und nach der Projektion stellte er sich geduldig den Fragen der Zuschauer – was nicht heißen soll, daß er sie auch beantwortete. Ein rechtes Gespräch wollte sich angesichts dieser Verschwiegenheit nicht anspinnen; also konnte Museumsdirektor Joseph, der Antonionis französisch gemurmelte Sätze in ein laues Deutsch gedolmetscht hatte, die Gäste bald zum kalten Büfett zwischen Paul-Wegener-Photos komplimentieren.‘ So stand es in dieser Zeitung vor 26 Jahren. Und auch daran muß man erinnern: Der berühmteste Nachtclub dieser Stadt hieß einst Blow up.

Amor vacui

Nächsten Mittwoch wird Michelangelo Antonioni 81. Das kann man um 21 Uhr im Filmmuseum feiern, indem man seinen ersten Spielfilm CRONACA DI UN AMORE ansieht, den er 1950 unter anderem in seiner metaphysischen Heimatstadt Ferrara gedreht hat. Man kann aber auch am Abend vorher um die gleiche Zeit L’AVVENTURA ansehen, der 1960 ein Schock für die Filmgeschichte und vor allem für die Geschichten in Filmen war. Eine Frau verschwindet – und taucht nicht mehr auf. Dafür wurde Antonioni in Cannes ausgepfiffen – und gefeiert. Davor läuft um 18 Uhr IL GRIDO, der am Po spielt, wo Antonionis Werk mit GENTE DEL PO, der vorher gezeigt wird, seinen Ursprung nahm.

Identifikation von Frauen

Der Circolo Cento Fiori und Filmstadt München e. V. zeigen bis Sonntag im Arena italienische Filme von Frauen über Frauen. Am Freitag um 20.15 Uhr Maria Teresa Camoglios …CON AMORE FABIA, die Geschichte einer 18jährigen auf Sardinien. Am Samstag um 18 Uhr Fiorella Infascellis LA MASCHERA ein Liebesmärchen mit Helena Bonham-Carter, und um 20.15 Uhr Francesca Archibugis MIGNON È PARTITA mit Stefania Sandrelli und Micheline Presle. Am Sonntag um 18 Uhr Cristina Commencinis I DEVERTIMENTI DELLA VITA PRIVATA mit Giancarlo Giannini, Christophe Malavoy und Vittorio Gassman, der im Paris des Jahres 1792 spielt, und um 20.15 Uhr Lina Wertmüllers CAMORRA mit Angela Molina und Harvey Keitel. Alle Filme laufen in Originalfassung.

Prähistorien vor Dino Park

Das Werkstattkino erinnert daran, daß Michael Crichton, der Autor von JURASSIC PARK und RISING SUN, auch früher schon fürs Kino tätig war: Jeweils um 22.45 Uhr bis Sonntag ANDROMEDA (1970) von Robert Wise und dann COMA (1977) von Crichton selbst mit Michael Douglas und Genevieve Bujold. Wie auch in WESTWORLD geht es bei Crichton immer wieder um vermeintlich stabile Systeme, in die sich ein Fehler einschleicht. Mal ist es ein Mikroorganismus, mal ein böser Chefarzt, der das Chaos auslöst. Auf jeden Fall gehen Science und Fiction bei Crichton immer effektvolle Verbindungen ein, die in Alpträume münden. Wenn nur jeder tausendste Münchner JURASSIC PARK-Besucher auch diese Filme ansieht, hat das Werkstattkino alle Hände voll zu tun.

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