16. September 1993 | Süddeutsche Zeitung | Fernsehen, Rezension | DOMINO-SHOW

21.20 RTL Alles ist fast wie im wirklichen Fernsehen: In der DOMINO-SHOW müssen die Gäste geheime Vorlieben offenbaren, bevorzugt sexueller Natur, denn ‚bei dem Nazi waren die Quoten im Keller‘. Das Studiopublikum muß dann entscheiden, ob der Gast die Wahrheit gesprochen oder gelogen hat: ‚Blau ist die Wahrheit, rot ist die Lüge‘ – als wär’s ein Stück von RTL.

Die fiktive Show ist der Wirklichkeit genau jenen Schritt voraus, der dazu führt, daß der Drehbuchautor Peter Probst ‚bereits Anfragen von seiten diverser Produzenten bezüglich der DOMINO-SHOW bekommen hat, ob er ein vollständiges Konzept entwickeln könne‘. Das liege ihm nicht, sagt er. Das wird jedoch nicht verhindern, daß so eine Show in naher Zukunft Realität wird. Eigentlich passiert ja auch nichts, was es nicht schon so oder so ähnlich gäbe: Ein gealterter Beau wird gefragt, ob er für die Liebe je zahlen mußte, seit ihm die Herzen nicht mehr von alleine zufliegen. Und als er verneint, wird ihm ein Strichjunge präsentiert. In einer Zeit, wo im Fernsehen andauernd die Hosen runtergelassen werden, ist das fast schon normal. Fast.

Daß man bei RTL keinen Hehl daraus macht, mit welchem Gewerbe man sein Geld verdient, hat den Sender von jeher ausgezeichnet. Also scheuen sich die RTL-Leute auch nicht, sich in ihrem nach Art der amerikanischen TV-Movies eigenproduzierten Film, dem zweiten der Reihe GEFÄHRLICHE LEIDENSCHAFTEN, selbst auf die Schippe zu nehmen. Und dazu paßt es dann auch, daß sich laut Probst auch Linda de Mol für den Part der Domino-Moderatorin, um die sich alles dreht, interessiert hat. Dann wäre TÖDLICHE LÜGE sozusagen der Pilotfilm zur Show geworden. Statt dessen spielt Barbara Auer die Rolle der Claudia Fischer, die mit diabolischem Lächeln ihre Gäste verführt und erfolgreich die Stimme ihres Gewissens verdrängt. Sie hat einen Produzenten (Leonard Lansink), mit dem sie ins Bett steigt, eine Tochter (Lisa Karlström), die auch mal gern mit jemanden ins Bett stiege, und einen neuen Mieter im Haus (Hannes Jaenicke), der für Mutter wie Tochter Interesse zeigt. Was die beiden Frauen nicht wissen: Daß ihr neuer Nachbar zehn Jahre für den Mord an einer Prostituierten im Gefängnis saß. Und daß er immer noch gefährlich ist. Ein schönes Bild hat der in Amerika lebende holländische Regisseur Ate de Jong, von dem bei uns im Kino die Filme HIGHWAY ZUR HÖLLE und MEIN BÖSER FREUND FRED zu sehen waren, für sein Thema gefunden: einen Goldhamster, der sich im Laufrad seines Käfigs abstrampelt. That’s Entertainment!

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