23. Dezember 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 23.12.1995

Ist ja alles so schön bunt hier

Das ist ja eine schöne Bescherung: Wer in den nächsten vier Tagen die Glotze anschaltet, dem wird Hören und Sehen vergehen. Von allem kommt nur das Schönste, Größte, Beste. Historienschinken wie QUO VADIS (WDR, Heiligabend 20.20 Uhr), El Cid (2. Feiertag, 15.25 Uhr, Pro Sieben) oder DER SILBERNE KELCH (2. Feiertag, 8.55 Uhr, Kabel 1), in dem Paul Newman so jung und schön aussieht, daß es fast schon unanständig ist. Oder Kinderfilme wie MARY POPPINS (2. Feiertag, 14.35 Uhr, ARD), DAS ZAUBERHAFTZE LAND (2. Feiertag, 8.30 Uhr, ORF 1) oder ALICE IM WUNDERLAND (2. Feiertag, 10.15 Uhr, ORF 1), an dem man aufs Schönste sehen kann, wie gut Disney früher gewesen ist. Es gibt da eine Szene mit einem Regiment Spielkarten, die wirklich ein Wunder an Choreographie und zeichenhafter Eleganz ist. Heute nimmt man für so etwas Computer, und es sieht nicht mehr halb so gut aus.

Der Einfachkeit halber nehmen wir mal an, daß die Weihnachtstage zum Händchenhalten und Liedersingen reserviert sind und rollen das Fest von hinten auf. In der Nacht zum Mittwoch zeigt der WDR ein Triple-Feature, das den Abschluß dieses Jahres wirklich würdig begeht. Endlich wird hier der große Louis Malle angemessen geehrt: FAHRSTUHL ZUM SCHAFFOTT (1.25 Uhr), DAS IRRLICHT (2.50 Uhr) und ZAZIE (4.35 Uhr), drei der schönsten Filme des französischen Kinos, werden hintereinander gezeigt. In den ersten beiden spielt Malles Alter ego Maurice Ronet die Hauptrolle, auf dessen Gesicht das wilde Leben einen matten Glanz hinterlassen hat, der die Ahnung der einstigen Schönheit mal als Schrecken, mal als Poesie sichtbar macht. Während Ronet nach einem Mord im Fahrstuhl festsitzt, läuft seine Geliebte Jeanne Moreau ungeduldig auf den Boulevards zur Trompete von Miles Davis auf und ab. Diese Aufnahmen der nächtlichen Cafés und regennassen Straßen sind der Inbegriff dessen, was man an Paris liebt, wenn man traurig ist. Im Irrlicht kommt Ronet aus einer Entzugsklinik zurück nach Paris und klappert noch einmal all die Orte und Menschen ab, die ihm etwas bedeutet haben. Auch hier ist Jeanne Moreau dabei, die ihn durch das Schaufenster einer Galerie entdeckt und mit ihm einen Moment stumme Zwiesprache abhält, ehe sie sich begrüßen. Aber der Versuch, ins Leben zurückzukehren, wird nach und nach zu einer Reise in den Tod. Und je verführerischer dabei diese Stadt und ihre Frauen schillern, desto ferner fühlt sich der Held allem. Am Ende kehrt er in seine Klinik zurück, ordnet seine Sachen und hinterläßt einen Brief, der die ergreifendsten Abschiedszeilen enthält: ‚Ich töte mich, weil Ihr mich nicht geliebt habt und ich Euch nicht geliebt habe. Ich töte mich, weil unsere Beziehungen lasch waren, und ich sie enger knüpfen wollte. Ich hinterlasse auf Euch einen unauslöschlichen Fleck.‘ So düster und melancholisch die ersten beiden Filme sind, so bunt und heiter ist Zazie, in dem Malle sich seinen Reim auf die Wortspiele von Raymond Queneau macht und der Paris als riesengroßes Karussell zeigt.

Daß die Franzosen seither das Filmemachen nicht verlernt haben, kann man sehen in INDOCHINE (1. Feiertag, 22.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen), in dem die ganze Geschichte sich in der reifen Eleganz von Catherine Deneuves Gesicht spiegelt, in DIE SIBENTE SAITE (2. Feiertag, 8.20 Uhr, Vox), der die Kunst der Gambe feiert, oder in EIN HERZ IM WINTER (Heiligabend, 21.45 Uhr, Bayerisches Fernsehen), in dem Emmanuelle Béart als Violinistin schön wie nie ist, weil sie unglücklich verliebt ist in den Geigenbauer Daniel Auteuil. Einen ergreifenderen Film über eine Liebe, die nicht zustande kommt, kann man sich kaum denken.

RTL wirbt überall groß mit EINE FRAGE DER EHRE und DER DUFT DER FRAUEN, aber darauf können wir in Südbayern locker verzichten, weil beide Filme auch ohne Werbeblöcke auf ORF 1 laufen. Der eine am 2. Feiertag, 20.15 Uhr, der andere am 1. Feiertag, 20.15 Uhr. Beide Filme sind eigentlich gar nicht so gut, wie sie daherkommen, aber haben jeweils eine Szene als Höhepunkt, mit der sie sich ins Gedächtnis einbrennen. Bei Frage der Ehre (RTL, 1. Feiertag, 20.15 Uhr) ist es jenes Duell zwischen Jack Nicholson und Tom Cruise, in dem nicht nur zwei Generationen, sondern auch zwei verschiedene Arten von Ausstrahlung aufeinandertreffen. Bei Duft der Frauen (RTL, 2. Feiertag, 20.15 Uhr) gibt es hingegen jene Szene, in der der blinde Al Pacino der bezaubernden Gabrielle Anwar beibringt, wie man Tango tanzt. Irgendwie ist es mit dieser Art von Kino wie beim Fußball: Fünf gute Minuten reichen oft schon, um ein Spiel zu gewinnen.

Wer es zu Weihnachten gerne beschwingt mag, kann sich DU SOLLST MEIN GLÜCKSSTERN SEIN (Samstag, 16.15 Uhr, Vox) ansehen, über den man wohl nichts mehr sagen muß, wenn man verrät, daß er im Original SINGIN‘ IN THE RAIN heißt, oder SHOWBOAT (2. Feiertag, 22.10 Uhr, tm3), in dem Ava Gardner auf dem Mississippi-Dampfer aussieht, als sei sie selbst nur ein Wesen aus dem Technicolor, das hier in den prächtigsten Farben leuchtet. Gesungen wird auch in DIE FABELHAFTEN BAKER-BOYS (Heiligabend, 22.05 Uhr, RTL 2), auch wenn man das heutzutage nicht mehr Musical nennt. Michelle Pfeiffer kommt anfangs in den Film gestolpert, ein Irrwisch aus Kaugummi, hohen Absätzen und zerzaustem Haar, und wenn sie dann ‚More than you know‘ singt, weiß man, daß es um die Baker-Boys, gespielt von Jeff und Lloyd Bridges, geschehen ist. Und die Kamera von Michael Ballhaus gerät dann vollends aus dem Häuschen, wenn sich Belle Michelle im roten Pailletten-Kleid auf dem Flügel räkelt und Makin‘ Whopee singt.

Wer die Idylle satt hat, kann sich SHINING (2. Feiertag, 22.55 Uhr, Sat 1) ansehen, in dem Jack Nicholsons Raserei keine Chance hat gegen die simple Einstellung, die das Manuskript zeigt, an dem der Schriftsteller seit Wochen in dem verschneiten Berghotel arbeitet. Es ist immer wieder derselbe Satz: ‚All work and no play makes Jack a dull boy.‘ Und bei David Cronenberg ist die Leistung von Jeremy Irons, der Zwillinge spielt, gar nicht hoch genug einzuschätzen, aber der größte Schrecken geht vom schlichten Bild des gynäkologischen Operationsbestecks aus, das die schlimmsten Phantasien weckt.

War sonst noch was? Kunterbuntes wie TOYS (Heiligabend, 20 Uhr, Sat 1) mit Robin Williams oder BARBARELLA (Heiligabend, 23.45 Uhr, Pro Sieben) mit Jane Fonda. Leiseres wie RÜCKKEHR NACH HOWARDS END (Samstag, 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen) mit Emma Thompson und Anthony Hopkins oder DAS APPARTEMENT (Nacht zum 2. Feiertag, 0.55 Uhr, 3sat) mit Jack Lemmon und Shirley MacLaine. Düstereres wie BARFLY (1. Feiertag, 23.40 Uhr, RTL 2) mit Mickey Rourke oder HOT SPOT (2. Feiertag, 22.15 Uhr, Pro Sieben) mit Don Johnson. Oder zeitlos Elegantes wie PINK PANTHER (1. Feiertag, 20.40 Uhr, Arte), der im Original mit Untertiteln gezeigt wird. Und wem das nicht reicht, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

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