15. November 1996 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 15.11.1996

Wie es der Teufel will, ist aus dem Lupe-Programm zum 20. Todestag von Jean Gabin eine Hommage zum Tode seines Regisseurs Marcel Carné geworden. C'est la vie.

Marcel Carné

Nicht nur der Hafen liegt in Quai des Brûmes im Nebel, sondern das ganze Werk von Carné liegt in jenem Zwielicht aus Schatten und Nebel, das der Realität ein so poetisches Antlitz verleiht. Und Jean Gabin ist der Mann, der diesen ganzen Lichtgespinsten so etwas Bodenhaftung verleiht. Was das Wunder dieser Filme angeht, so war das nicht nur das Duo Gabin und Carné, das die Arbeit befeuerte, sondern vor allem das Team zwischen den beiden: die Bauten von Alexandre Trauner, die Dialoge von Jacques Prévert oder die Musik von Maurice Jaubert. HAFEN IM NEBEL läuft in der Lupe um 18, DER TAG BRICHT AN mit Untertiteln um 20.15 Uhr. Wer diese Filme sieht, weiß, woraus sich nach dem Krieg der Existenzialismus genährt hat.

Mehr Franzosen

Das Kinderkino im forum 2 im Olympiadorf bringt heute um 15 und morgen um 11 Uhr François Truffauts TASCHENGELD in dem er 1976 alle elterlichen Alpträume auf den Punkt brachte. Da fällt der kleine Gregory vom Balkon eines Hochhauses in ein Gebüsch, steht putzmunter wieder auf und sagt ‚Gregory hat Bumm gemacht‘, während die Mutter in Ohnmacht fällt. Nicht nur deshalb wollte Truffaut den Film, der die ganze Kindheit bis zum ersten Kuß illustriert, ursprünglich LA PEAU DURE nennen: Kinder haben ein dickes Fell. Auch hier ist die Musik übrigens von Maurice Jaubert.

In der Lupe laufen drei weitere Franzosen, die vorführen, warum wir dieses Kino so lieben. Erstens wegen der Szene aus ORPHÉE (Samstag um 18 und 20.15 Uhr) von Jean Cocteau, in der die Handschuhe ins Land hinter den Spiegeln eintauchen; zweitens wegen der auf den Kies von Schloß Schleißheim aufgemalten scharfen Schatten der Bäume in LETZTES JAHR IN MARIENBAD (Dienstag um dieselbe Zeit) von Alain Resnais; und drittens wegen der Schlußeinstellung von Claude Chabrols total unterschätztem DIE CHAMPAGNER-MÖRDER (Donnerstag um dieselbe Zeit), in der die Kamera die in einem Zimmer Raufenden (Maurice Ronet, Anthony Perkins und Stéphane Audran) verläßt, um aus immer größerer Höhe zuzusehen, wie das Dunkel die Szenerie verschluckt. Das sind doch drei gute Gründe, das französische Kino zu lieben.

Noch mehr Franzosen

Im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig laufen heute und morgen noch Filme aus dem neuesten Programm des CICIM Jeune cinéma français. Heute um 18 Uhr läuft Catherine Corsinis LES AMOUREUX mit der wunderbaren Nathalie Richard aus Rivettes HAUT BAS FRAGILE, die auch hier singen darf. Um 20 Uhr dann Danièle Dubroux‘ LE JOURNAL DU SÉDUCTEUR, in dem sich die Regisseurin ihren Reim auf Kierkegaard macht. Morgen dann um 18 Uhr das Kurzfilmprogramm HOMMAGE AU FESTIVAL DU COURT MÉTRAGE DE CLERMONT-FERRAND, in dem sich auch Mathieu Kassovitz‘ Cauchemar Blanc findet, eine Vorstudie zu LA HAINE. Und um 20 Uhr dann nochmal Jean Beckers ELISA, auch wenn der nicht mehr zur ganz jungen Garde zählt, aber umso lebhafter von der Jugend erzählt.
Und im Kino Breitwand in Gilching läuft am Sonntag um 11 Uhr nochmal DIE SCHÖNE QUERULANTIN vom ewig jungen Jacques Rivette.

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