11. November 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 11.11.1995

Männersachen

Das Kino präsentiert sich vornehmlich als Männersache. Nicht nur, weil die Regisseure – wie Truffaut das nannte – mit schönen Frauen schöne Dinge anstellen, sondern weil ihre Helden eben tun, was sie vermeintlich tun müssen: Rennen fahren, Großwild jagen oder ihre Töchter beschützen.

ROTE LINIE 7000 (Nacht zum Sonntag, 3.20 Uhr, Kabel 1) und GRAND PRIX (Sonntag, 15.50 Uhr, tm 3) sind zwei Filme, in denen es um den Rausch der Geschwindigkeit geht und vor allen Dingen darum, wie er den Männern den Kopf verdreht. Bei Howard Hawks ist RED LINE 7000 sowieso der passende Ausdruck für den Zustand, in dem sich seine hypermotorischen Helden dauernd befinden. Männer wie Frauen jagen bei ihm ihren Drehzahlmesser fortwährend an und über die rote Linie, ob sie reden oder lieben oder sonst was tun. Wobei die Frauen die Männer natürlich jederzeit in die Tasche stecken; gerade die Rennfahrer wirken in ihrem Lager wie kleine Jungs, die immer nur das eine – und aus Sicht der Frauen das Falsche – im Kopf haben. John Frankenheimers GRANMD PRIX ist natürlich der ambitioniertere Film, nicht nur, weil er in der renommierteren Formel 1 spielt, sondern auch, weil es ihm dauernd um internationales Renommee geht: Yves Montand, James Garner, Toshiro Mifune und Eva Marie Saint sind mit von der Partie. Damals galten die Aufnahmen aus dem Cockpit der Rennfahrer als revolutionär, heute gehören sie zum Standardvokabular der Fernsehübertragungen.

In John Fords MOGAMBO (Sonntag, 20.15 Uhr, WDR) hält sich der Großwildjäger Clark Gable lange Zeit für den Hahn im Korb, weil Ava Gardner und Grace Kelly um ihn buhlen, aber am Ende ist es doch eher so, daß die beiden Frauen mit ihm machen, was sie wollen. Das größte Wild, das es in diesem Film zu erlegen gibt, ist natürlich Gable selbst. Von Ava Gardner, die damals unter ihrer Trennung von Frank Sinatra litt, heißt es, sie habe die Eingeborenen in Angst und Schrecken versetzt, weil sie die Angewohnheit hatte, nackt zu baden.

Wenn es um ihre Töchter geht, kennen Männer noch weniger Spaß, als wenn es um ihre Hobbys geht. In Bertrand Bliers AUSGERECHNET IHR STIEFVATER (Sonntag, 8.35 Uhr, Sat 1) verliebt sich ein 14jähriges Mädchen nach dem Tod der Mutter – man ahnt es schon – ausgerechnet in den Stiefvater, der von dem 1982 viel zu früh verstorbenen Patrick Dewaëre gespielt wird. Der richtige Vater ist davon natürlich weniger begeistert. Wobei Blier mit dem Thema nicht halb so leichtfertig umgeht, wie es der Titel befürchten läßt.

Um die Tochter, die er nie kennengelernt hat, drehen sich auch in DAS AUGE (Sonntag, 22.10 Uhr, Vox) alle Gedanken des Vaters. Michel Serrault spielt in Claude Millers hinreißendem Film einen Privatdetektiv, der seine Sehnsucht nach der verlorenen Tochter in eine Mörderin hineinprojiziert – kein Wunder, schließlich handelt es sich da um Isabelle Adjani, deren mysteriöse ewig kindliche Schönheit für Projektionen aller Art taugt. Am Ende erfüllt sich sein Traum, und er tritt endlich hinein in jenes Klassenphoto seiner Tochter, das er stets mit sich herumgetragen hat, ohne zu wissen, welches der Mädchen seine Tochter ist. Vielleicht ist er tot, vielleicht auch nicht, auf jeden Fall ist er endlich mit seinen Erinnerungen versöhnt.

An dem BLADE RUNNER (Sonntag, 23.20 Uhr, Pro Sieben) gibt es eine Menge erwähnenswerter Aspekte, aber am tollsten ist dennoch jene Szene, in der Sean Young begreift, daß all ihre Erinnerungen ihr nur eingepflanzt worden sind. Wobei sich Harrison Ford, der ihm beim Klavierspiel zusieht, zunehmend die Frage stellt, ob der Unterschied zwischen echten und falschen Erinnerungen wirklich so groß ist, wenn man ihn nicht kennt.

Ein typisches Männerproblem hat auch der japanische Schriftsteller Yukio Mishima, dem Paul Schrader in MISHIMA – EIN LEBEN IN VIER KAPITELN (Nacht zum Montag, 0.20 Uhr, ZDF) ein hinreißend schönes, formstrenges Denkmal gesetzt hat. Seinem Ruhm als Dichter zum Trotz will er sich als Mann der Tat beweisen und besetzt ein Hauptquartier der japanischen Armee. Als die Aktion scheitert, stürzt er sich ins eigene Schwert. Das wäre einer Frau kaum eingefallen.

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