30. Oktober 1995 | Süddeutsche Zeitung | Fernsehen, Rezension | EMERGENCY ROOM

2015 Pro 7 Im September letzten Jahres kam es zu einem Showdown zwischen NBC und CBS, der mit Skalpells ausgetragen wurde. Jeden Donnerstag, um 22 Uhr, traten die beiden Serien EMERGENCY ROOM und CHICAGO HOPE gegeneinander an, die nicht nur beide in Krankenhäusern, sondern auch beide in Chicago spielen. Damit enden die Gemeinsamkeiten auch: EMERGENCY ROOM , kurz ER, spielt in einer Notaufnahme, wo überarbeitete Doktoren unterbezahlte Arbeit leisten; Chicago Hope im feinsten Hospital des Landes, wo überbezahlte Ärzte tun, was sie tun müssen – wenn sie nicht gerade Golf spielen. Welche Behandlung, fragte sich die Nation, würde die Gruppe der 18-49jährigen wählen?

Die Entscheidung zwischen Privat und Kasse fiel eindeutig aus. ER schlug so ziemlich alle bestehenden Rekorde seit Dallas, wurde für 23 Emmys nominiert und gewann acht. CHICAGO HOPE zog auf einen anderen Sendeplatz. Knapp dreißig Millionen Zuschauer sahen jeden Donnerstag zu, und ein paar Millionen werden es auch sein, wenn Emergency Room von heute an jeden Montag, um 20.15 Uhr auf Pro Sieben läuft.

Flut von Patienten

Welche Gründe der Erfolg hat, läßt sich diskutieren, aber wer seine Garanten sind, ist klar. Zum einen Steven Spielbergs Produktionsfirma Amblin in Zusammenarbeit mit Warner Bros. Television, zum anderen Michael Crichton, der es wie kein anderer versteht, aus science lesbare fiction zu machen. Schon vor zwanzig Jahren ist der Medizinstudent mit dem Stoff hausieren gegangen, aber kein Produzent sprang darauf an. Man bot ihm an, aus dem Stoff vier Folgen von DR. MED. MARCUS WELBYzu basteln, aber Crichton lehnte dankend ab. Er wußte, seine Zeit würde kommen.

1990 sprach Crichton mit Steven Spielberg darüber, aus ER einen Spielfilm zu machen, aber auch der war skeptisch und fragte, was Crichton sonst noch anzubieten habe. Der Autor erzählte von einem Stoff über Dinosaurier-DNA, und das interessierte Spielberg schon mehr. Der Rest ist Geschichte: JURASSIC PARK wurde der erfolgreichste Film aller Zeiten, und das war dann schon ein guter Grund, noch einmal über die Sache mit der Notaufnahme nachzudenken.
Was die Serie von anderen Serien unterscheidet, ist die Tatsache, daß es hier nicht um Götter in Weiß geht. Nicht, daß die Ärzte solche Anwandlungen nicht hätten, aber sie haben einfach keine Zeit dazu, ihrem Gott-Komplex zu frönen. In der Notaufnahme sehen sie sich einer ständigen Flut von Patienten gegenüber und müssen aufpassen, daß nicht alles über ihnen zusammenbricht. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, und jede kann folgenschwer sein. Die Ärzte sind einem dauernden Wechselbad von kleinen Wehwehchen und tödlichen Fällen ausgesetzt. Dies sind keine Doktorspiele im club med., sondern die Desperados des Gesundheitswesens. In der Schwarzwaldklinik würden sie vor Langeweile sterben.

Süchtige Ärzte

Vielleicht ist das auch schon das Geheimnis des Erfolgs: Wie die Ärzte der Notaufnahme weiß man nie, was als nächstes kommt – Mordopfer oder Hypochonder, Blinddarm oder Blähungen. Man ist nicht den üblichen dramaturgischen Ambitionen von Ärzteserien ausgesetzt, die jeden Patienten auf Herz und Nieren überprüfen, sondern bekommt, wenn es sein muß, Herz und Nieren auch ohne Patienten auf dem silbernen Tablett serviert. Hier heißt es gar nicht erst ‚Der Nächste bitte‘, weil der nächste Patient immer schon wartet.

In diesem Stakkato aus Blut, Schweiß und Tränen bleibt kaum Zeit, auf einen Patienten näher einzugehen – mehr als zwei Szenen bekommt kaum einer. Allein im Pilotfilm werden 45 Fälle abgehakt. Dadurch ist die Phantasie der Zuschauer ständig gefordert, sich die Geschichten hinter den Fällen selbst zusammenzureimen. Was dramaturgisch ein Nachteil hätte sein können, erhöht gerade erst den Reiz der Serie.

EMERGENCY ROOM ist also wie Reality- TV, aber mit besseren Schauspielern. Zum Beispiel Anthony Edwards als Dr. Greene, der ständig unter Schlafmangel leidet und hier den Ton angibt. Er könnte für ein vielfaches Gehalt ein schönes Leben in einem nobleren Krankenhaus führen, aber ist süchtig nach dieser Arbeit am Puls der Wirklichkeit. Oder George Cloony als Dr. Ross, der die Frauen so liebt wie den Alkohol und in der Notaufnahme Betten belegt, um seinen Rausch auszuschlafen. Oder Sherry Stringfield als unterkühlte Assistenzärztin; Noah Wyle als blutiger Anfänger; Julianne Margulies als unglückliche Oberschwester; und Eriq La Salle als unbestechlicher Arzt mit Ambitionen. Sie alle haben Mühe, ihr Privatleben gegen den Ansturm der Patienten zu verteidigen – und haben im Grunde schon längst kapituliert. Im Grunde reicht es kaum noch für einen Kaffee zwischendurch.

Den Erfolg von ER hat Produzent Aaron Spelling auf seine Weise interpretiert und University Hospital in Auftrag gegeben. ‚Ärzte gibt es genügend‘, sagt er, ‚deshalb konzentrieren wir uns auf Krankenschwestern.‘ Demnächst wird der Showdown mit Bettpfannen ausgetragen.

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