11. April 1997 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 11.04.1997

AGNÈS VARDA läuft im Filmmuseum, und wer kann, sollte sich immer die Filme ihres verstorbenen Mannes Jaques Demy dazudenken. Nicht weil die beiden ohne einander nicht denkbar wären, sondern weil beider Karrieren eine so schöne Liebesgeschichte ergeben. All die einsamen Mädchen, die nicht wissen, warum sie so traurig sind, scheinen aufgehoben im großen Traum ihres Mannes, in dem sich die Welt stets in ein Lied verwandelt.

1990 hat Varda für ihren toten Mann einen Film gemacht, der auch so unbeschwert wie ein Lied daherkommt, ganz ohne die großen Gesten von Schmerz und Trauer, auch wenn es einen schon packt, wenn man die letzten Aufnahmen von Demy in seiner Jeansjacke am Strand sieht. JACQUOT DE NANTES heißt der Film, und er läuft am Samstag um 21 und Sonntag um 18 Uhr im Filmmuseum.

Heute läuft um 18 Uhr SANS TOIT NI LOI, in dem 1985 die vogelfreie Sandrine Bonnaire auf der Bildfläche erschienen ist und seither immer etwas von dieser Unbehaustheit in ihrem Blick trägt. Wer einmal bei Agnès oder Jacquot mitgespielt hat, gehört auch für die Zuschauer irgendwie immer zu dieser Filmfamilie.

Heute um 21 Uhr wird CLÉO DE 5 Á 7 gezeigt, vielleicht der schönste aller Paris- Filme, weil uns Corinne Marchand an die Hand nimmt und einmal quer durchs linke Ufer führt bis zum Parc Montsouris, wo die Sonne so hübsch durch die Bäume scheint. Man kann gut verstehen, warum sich Madonna einst für die Hauptrolle in einer Neuverfilmung interessiert hat – und auch, warum das nicht zustandekommen konnte.

Marienbad

Zur selben Zeit hat Alain Resnais sein LETZTES JAHR in Marienbad gedreht, der heute (18 und 20.15 Uhr) in der Lupe gezeigt wird. Der Film ist wie ein in Stein gehauenes Gedicht, seine Helden bewegen sich wie marmorne Grabengel durch die langen Flure. Wenn man einen Eindruck vom geometrischen Wahnsinn dieser Geschichte bekommen will, muß man sich nur vor Augen halten, daß Resnais sogar die Schatten der Bäume in den Kies des Schloßparks malen ließ. Delphine Seyrig, deren Schönheit in der Geschichte des Films nur von Louise Brooks übertroffen wurde, wäre übrigens 65 geworden. 70. Geburtstag hätte dieser Tage übrigens Maurice Ronet gefeiert, weshalb die Lupe auch von Mo. bis Mi. )(22.45 Uhr) NUR DIE SONNE WAR ZEUGE zeigt. Er steht hier ein bißchen im Schatten von dem Kleistschen Jüngling Alain Delon, dessen Stern hier aufging, aber unsere Sympathien galten immer eher dem Irrlicht Ronet, der dem französischen Kino so ein schön trauriges Gesicht verliehen hat.

Das Werkstattkino zeigt die Filme von Amando de Ossorio . Jeweils um 23 Uhr laufen bis Sonntag HORROR OF THE ZOMBIES, zu deutsch DAS GEISTERSCHIFF DER SCHWIMMENDEN LEICHENhen, und dann bis Donnerstag NIGHT OF THE SEAGULLS, zu deutsch DAS BLUTGERICHT DER REITENDEN LEICHEN: Blinde Templer, rituelle Opferung, halbnackte Jungfrauen – alles dabei. Bon Appetit!

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