10. Februar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 10.02.1995

Man lebt nur zweimal: Alle, die vor zwei Wochen das Wunderwerk PENNIES FROM HEAVEN versäumt haben, bekommen nun unversehens eine zweite Chance. Weil KING OF NEW YORK heute Abend um 21 Uhr im Filmmuseum ausfällt, gibt es nochmal das vergessene Meisterwerk von 1981 zu sehen.

Pennies from Heaven

Also nochmal zum Mitschreiben: Herbert Ross hat 1981 nach einer Show von Dennis Potter (THE SINGING DETECTIVE) für viel Geld das Musical PENNIES FROM HEAVEN inszeniert und ist damit schrecklich baden gegangen. Wie hat man das damals nur übersehen können? Der Film ist die reinste Offenbarung, die Sorte Film, dessen Idee so gut ist, daß man sie selbst gerne gehabt haben würde. Das Ganze ist also ein Musical, in dem die Leute von Zeit zu Zeit in Gesang ausbrechen, aber nicht etwa mit ihren eigenen Stimmen, sondern zu den Aufnahmen von einst. Es gibt jede Menge Irving Berlin und George Gershwin und nicht eine einzige Nummer, bei der einem nicht der Atem stocken würde vor lauter Aberwitz und Übermut. Ken Adam, der Ausstatter der JAMES-BOND-Filme und der ADDAMS FAMILY hat Sets entworfen, die den Bildern von Edward Hopper nachempfunden sind, und Herbert Ross und sein Kameramann Gordon Willis (MANHATTAN) haben es sich nicht nehmen lassen, die Berühmtesten – Nighthawks und Matinee – tatsächlich als lebende Tableaus zu inszenieren.

Steve Martin spielt einen Vertreter für Musik, der Probleme mit seiner Frau (Jessica Harper) hat, auf Reisen eine Lehrerin (Bernadette Peters) schwängert, die daraufhin in die Prostitution flieht. Christopher Walken spielt ihren Zuhälter, einen Daddy Long Legs, der zwischen den Frauen auf dem Tresen tanzt. Ein Gespräch mit einem Bankdirektor mündet in eine grandiose Busby Berkley-Nummer, und der Titelsong gehört definitiv zu den größten Tanzszenen aller Zeiten: Die Pennies werden wie der Regen vom Wind über die Straße getrieben. Also: Freitag um 21 Uhr im Filmmuseum. So schnell wird man den Film nicht mehr zu sehen kriegen.

Unter unserem Himmel

Ein ähnlicher Ausstattungswahnsinn tobt in Jacques Tatis MON ONCLE, den das Filmmuseum am Sonnatg um 15 Uhr zeigt. Als Komiker ist Tati eher überschätzt, aber als Choreograph der Moderne ist er eine Wucht.

Dasselbe gilt ohnehin für Blake Edwards, der dazu noch die Gefühle choreographieren kann wie kein anderer. Nirgends liegen Freude und Trauer so nah beisammen wie bei ihm. Und am allerengsten ist diese Verbindung natürlich in FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY, den das Cinema am Sonntag um 11 Uhr zeigt. Die wunderbare Musik stammt vom unlängst verstorbenen Henry Mancini, dem im Himmel unbedingt ein Platz neben Gershwin und Berlin gebührt.

Weitere Wunderdinge sind in der Lupe zu sehen: heute und morgen Lubitschs SEIN ODER NICHTSEIN; am Sonntag und Montag Kusturicas ZEIT DER ZIGEUNER; und am Dienstag und Mittwoch Chabrols DER SCHLACHTER. Und die Breitwand in Gilching zeigt Roegs WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN mit dem schönsten Liebesakt der Welt.

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