09. Juni 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 09.06.1995

Manchmal gibt es lichte Momente im Filmprogramm. Da fällt dann auf einmal ein Film vom Himmel, von dem man eigentlich dachte, daß er nie wieder im Kino zu sehen sein würde. Als Gillian Armstrongs THE LAST DAYS OF CHEZ NOUS vor Jahren auf der Berlinale lief, bekam er weder einen Preis, noch fand er einen Verleih. Dabei ist das einer der schönsten Filme über den ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens .

Am Ende der Welt

THE LAST DAYS OF CHEZ NOUS erzählt von einer Autorin, die mit einem Franzosen verheiratet ist, der von Bruno Ganz ganz unaffektiert gespielt wird. Im Haus, das sie Chez Nous genannt haben, leben ihre Tochter, ein junger Mann und ihre jüngere Schwester, die gerade von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ist. Das Chaos, die Spannungen, die Streitereien, die Dramen, all das wird von Armstrong mit einer Unaufgeregtheit ausgebreitet, daß man dem Leben selbst bei der Arbeit zuzusehen glaubt. Im Filmmuseum ist der Film am Sonntag um 18 und am Donnerstag um 21 Uhr zu sehen.

Von Bruce Beresford, einem weiteren australischen Hollywood-Export, ist ein früher Film aus dem Jahr 1972 zu sehen: THE ADVENTURES OF BARRY MCKENZIE(Samstag 21 Uhr), eine Satire über die Abenteuer eines Australiers in England, bei der Barry Humphries mitspielt, der mittlerweile als Dame Edna zu Weltruhm gelangt ist. Außerdem laufen am Sonntag um 21 Uhr drei Dokumentarfilme über das Leben im Outback, ehe das weite Land Ziel von Touristen und deutschen Regisseuren wurde: AMONG THE HARDWOODS von 1936, SCHOOL IN A MAILBOX von 1947 und Back of Beyond von 1954.

Die einzige große Liebe

In der Lupe läuft um 17.45 bzw. 18 und um 20.15 Uhr Pasolini rauf und runter: Am Freitag ACCATONE, am Samstag EROTISCHE GESCHICHTEN AUS 1001 NACHT, am Sonntag DECAMERONE, am Montag (18 Uhr) MAMMA ROMA, am Dienstag (18 Uhr) TEOREMA – GEOMETRIE DER LIEBE, am Mittwoch GROSSE VÖGEL – KLEINE VÖGEL und am Donnerstag (18 Uhr) EDIPO RE – BETT DER GEWALT. Pasolini hat mal in Worte gefaßt, was in seinen Filmen spürbar wird: ‚Die Leidenschaft, die sich anfangs in einer großen Liebe zur Literatur und zum Leben ausgedrückt hatte, hat allmählich die Liebe zur Literatur fallenlassen und ist zu dem geworden, was sie wirklich war: eine Leidenschaft für das Leben, für die wirkliche Welt um mich herum, die physische, sexuelle, dingliche, existenzielle. Das ist meine erste und einzige große Liebe, und der Film hat mich in einer gewissen Weise dahin zurückgetrieben, um nur mehr diese Welt darzustellen.‘

Kühe und Eichhörnchen

Das Theatiner zeigt in der Spätvorstellung eine der Entdeckungen der letzten Zeit, die Filme des Spaniers Julio Medem. Heute und morgen VACAS – KÜHE, die Geschichte rivalisierender Familien über drei Generationen, von Donnerstag an DAS ROTE EICHHÖRNCHEN, der von der Liebe eines Selbstmörders zu einem Mädchen erzählt, das bei einem Motorradunfall das Gedächtnis verloren hat.

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