26. Juni 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Frauenkino

Filmfest München: Ansichtssachen

Allzu Weibliches

Das Schönste am Film sind…bestimmt nicht die Eröffnungsveranstaltungen des Münchner Filmfests, und die diesjährige Gala ist es schon gleich gar nicht gewesen. Macht nichts. Inzwischen haben wir uns ja daran gewöhnt, daß Eberhard Hauff den Schmelz der dreißiger Jahre liebt und sich keine tollere Werbung für das Kino denken kann als die Pantomime. Henny Porten konnte zwar nicht ganz überzeugen, und auch Bürgermeisterin Csampai riß nur Eingeweihte mit ihrem Witz hin, aber damit sind wir beim Thema: Das Schönste am Film sind…die Küsse, die Blicke, die Einstiege, die Sprüche und…die Frauen. Sowieso. Und zwar alle.

Zum Beispiel Vanessa Paradis in ihrer zweiten Filmrolle in ELISA (Maxx2, 20 Uhr), dem ersten Film von Jean Becker seit EiN MÖRDERISCHER SOMMER mit Isabelle Adjani vor zwölf Jahren. Vanessa Paradis ist die einzige legitime Erbin von Brigitte Bardot, weil sie es auf dieselbe Weise schafft, hinter der Schnute des verwöhnten Mädchens ihre Unschuld wie die reinste Avance wirken zu lassen. Beide wirken immer wie Angorakätzchen, die Raubkatzen spielen.

Zum Beispiel Jessica Lange, die für ihre Rolle in BLUE SKY (Maxx2, 22.30 Uhr), dem letzten Film des verstorbenen Tony Richardson, einen Oscar gewonnen hat. Bei ihr ist blond keine Haarfarbe, sondern eine Einstellung zum Leben, die davon kündet, daß sie willens ist, sich den Wind durchs Haar pfeifen zu lassen. Das macht es so ergreifend, wenn sie wie hier Bardot und Monroe auf einmal spielt, weil man dann eine exaltierte Frau sieht, die mit beiden Beinen auf der Erde steht.

Zum Beispiel Theresa Russell, die bei ihrem Gatten Nicolas Roeg in INSIGNIFICANCE (Filmmuseum, 20 Uhr) Marilyn Monroe spielt und in BAD TIMING (Maxx6, 15 Uhr) die Tschechin Milena, zwei Frauen mit beachtlichem Talent zur Selbstzerstörung, in deren Gesicht stets das verletzte Kind sichtbar ist, das sich in sehr erwachsene Welten geflüchtet hat.

Zum Beispiel Jennifer Jason Leigh, die in Alan Rudolphs MRS. PARKER UND IHR LASTERHAFTER KREIS (Carl-Orff-Saal, 15 Uhr) die Titelheldin spielt. Sie ist die einzige Frau, von der man behaupten kann, daß ihr Aufstieg zum großen Star bisher dadurch verhindert wurde, daß sie zu gut ist. Diesmal spielt das Chamäleon die Schriftstellerin Dorothy Parker, deren schreiberisches Talent nur noch von ihrer Gabe zum Unglück überboten worden ist. So weiß man nie, ob sie von Natur aus, vom vielen Alkohol oder vor lauter Unglück so heiser ist.

Zum Beispiel Greta Scacchi in Mike Figgis‘ THE BROWNING VERSION (Theatiner, 22.30 Uhr) oder Eric Rohmers junge Frauen in RENDEZVOUS IN PARIS (Theatiner, 17.30 Uhr) oder Caroline Redl in Maris Pfeiffers KÜSS MICH! (Maxx5, 20.15 Uhr), Frauen, die alle nicht wissen, was sie wollen – das aber ganz genau. Wie im wirklichen Leben.

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