05. Mai 1995 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 05.05.1995

Soft-Pornos hatten schon immer einen schlechten Ruf. Aber das bißchen Anziehungskraft, das sie besaßen, haben Bahnhofskinos und Privatfernsehen endgültig ruiniert. Daß dieses Genre jedoch keineswegs immer schmuddelig, muffig und billig sein muß, zeigt das Werkstattkino.

Think Pink

Von den 240 Filmen, die jährlich in Japan ins Kino kommen, sind die Hälfte sogenannte Pink Pictures, ein Genre, das es seit den sechziger Jahren gibt und das nichts mit den Blue Movies zu tun hat, die den Dingen eher auf den Grund gehen. Die Quantität sorgte jedenfalls dafür, daß sich auch Qualität herausbildete. Es gibt also ein New Wave im japanischen Soft Porno, der gerade auf dem Festival in Rotterdam eine Retrospektive gewidmet war. Das Werkstattkino zeigt nun drei dieser jeweils einstündigen Werke: Um 20 Uhr TANDEM von Sato Toshiki, in dem zwei Männer in einem Coffee-Shop über ihr Sexualleben reden. Um 21.30 Uhr AN ARIA ON GAZES von Sato Hisayasu, der von halluzinogenen Drogen in einem Sex-Club handelt. Und um 23 Uhr NO MAN’S LAND von Zeze Takahisa, der von Verbrechern in Tokio erzählt, während in der Ferne der Golf-Krieg beginnt. Das Motto lautet also: Think Pink!

Zärtlichkeit und Boxen

Das Theatiner zeigt heute und morgen in der Spätvorstellung einen Film, der bei uns im Kino vor kurzem völlig untergegangen ist, unseren Kritiker Hans Schifferle jedoch zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat und in Fabienne Babe und dem Boxer Sam Djob ‚eines der tollsten Kino-Liebespaare der letzten Jahre‘ sah. Über Paul Vecchialis DIE ZÄRTLICHKEIT DES TIGERS schrieb er: ‚Ein Boxerfilm, ein Krimi und vor allem ein Liebesfilm. Boxen ist ein direkter und emotionsgeladener Sport, der vor alleim im Kino mit Verstrickungen und Manipulation verknüpft wird. Genauso steht es mit der Liebe, dem heftigen Aufeinanderprallen zweier Menschen…Vielleicht will Vecchiali die geheimnisvolle innere Komplexität von Lebenskampf und Liebe nach außen stülpen. Vielleicht ist alles so, wie es ist. Dann wäre die Wiederfindung der Unschuld die große Überraschung. Und damit wäre auch die Unschuld und die Poesie des Kinos gemeint, die kleinen und die großen Gesten, die schönen und die wahren Klischees und die heimelig-traurige Atmosphäre der Schauplätze.‘

Von Allen bis Welles

Das Rottmann zeigt zu Bullets OVER BROADWAY um 22.45 nochmal ein paar alte Filme von Allen. Freitag MACH’S NOCHMAL SAM, Samstag WAS SIE SCHON IMMER ÜBER SEX WISSEN WOLLTEN, Montag und Dienstag DER STADTNEUROTIKER, Mittwoch MANHATTAN.
Das Arena zeigt um 22.45 Uhr Filme von Gus Van Sant. Samstag und Sonntag: EVEN COWGIRLS GET THE BLUES, Montag bis Mittwoch: MY OWN PRIVATE IDAHO in der Originalfassung.
Die Lupe bringt zum 80. Geburtstag von Orson Welles am Samstag um 17.45 und 20.15 Uhr CITIZEN KANE am Sonntag zu denselben Zeiten DER PROZESS, am Montag um 18 Uhr MACBETH am Dienstag STUNDE DER WAHRHEIT am Mittwoch F WIE FÄLSCHUNG und am Donnerstag DIE LADY VON SHANGHAI.

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