04. Dezember 1992 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 04.12.1992

Kein Lichtspiel, sondern die Lichterkette ist diese Woche Pflicht. Die Initiative Eine Stadt sagt NEIN fordert dazu auf, sich am Sonntag um 17 Uhr mit einem Licht auf die Ring- und Ausfallstraßen zu stellen, um ein Fanal gegen den Ausländerhaß zu errichten. Aus großer Höhe könnte das ein gewaltiges Bild ergeben – auch ohne Cinemascope und Technicolor.

Architektur und Humor

Das Filmmuseum beginnt eine Retrospektive der Filme von und mit Jacques Tati. Der Franzose kommt vom Sport her, dessen Bewegungsabläufe er in seinen ersten Auftritten als Komiker in ihre Bestandteile zerlegte. Je zwanghafter er seinen Charakter anlegt, desto unfähiger ist er zur Koordination. Im Grunde ist er nicht weniger pedantisch und kleinbürgerlich als seine Umgebung, nur weniger anpassungsfähig. Aber sein Minimalismus besitzt eine große Ruhe und Klarheit, und unter der Kritik an der Moderne schimmert eine ungezügelte Faszination für sie durch. Nur Antonioni hat die Melancholie der Vorstädte und die Eleganz des Stahlbetons so schön eingefangen wie Tati. Heute läuft um 18 Uhr JOUR DE FETE (1947) und um 21 Uhr LES VACANCES DE MONSIEUR HULOT (1953); beide Filme nochmal am Sonntag um 11 und 15 Uhr; und am Samstag um 18 Uhr MoON ONCLE(1958) und um 21 Uhr PLAYTIME (1967).

Vive la France!

Zweimal Gérard Philipe: Die Lupe zeigt am Dienstag um 18.15 Uhr DER IDIOT und am Mittwoch um dieselbe Zeit LES LIAISON DANGEREUSES, in Roger Vadims Version von 1959. Ein zarter Junge mit Absencen, wie von Cocteau erfunden, und von der eigenen Schönheit zermürbt.

Zweimal Simone Signoret: Im Theatiner läuft am Donnerstag um 22.45 Uhr DIE TEUFLISCHEN und in der Lupe um 22.30 Uhr LA RONNDE von Max Ophüls. Augen aus Stahl und eine Schönheit, die auch im Alter nichts von ihrer Autorität einbüßte.
Dazu einmal Montand: Von Montag bis Mittwoch in der Spätvorstellung im Theatiner Lohn der Angst. Und dazu querbeet all die wunderbaren anderen – Paul Meurisse, Charles Vanel, Segre Reggiani, Jeanne Moreau, Edwige Feullère, Danielle Darrieux…

Genüßlinge und Spieler

Am Sonntag läuft im Filmmuseum DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) in zwei Teilen um 17.30 und 21 Uhr, ein deutscher Fantomas nach Vorlage von Norbert Jacques. Kurt Pinthus schrieb damals in seinem Tagebuch: ‚Und dann beginnt der Regisseur Lang alles zusammenzupressen, was diese letzten Jahre an Überreiztheit, Verderbnis, Sensation und Spekulation uns brachten: wissenschaftliche durchdachte Verbrechen; Börsenrummel mit schieberisch jäh wechselnder Baisse und Hausse; exzentrische Spielklubs; Hypnose, Suggestion, Kokain, Spelunken, in die sich Genüßlinge und Bac-Spieler flüchten . . . morbide, seelisch und sexuell hörige Menschen, und all jene entwurzelten Existenzen, deren Skrupellosigkeit selbstverständlich ist, weil sie nichts zu verlieren haben als dies Leben, das ohne diese Skrupellosigkeit noch verlorener wäre.‘

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