02. September 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 02.09.1994

Kann man nicht meckern. In der nächsten Woche werden die meisten Filme von Abel Ferrara nochmal gezeigt, und wer Quentin Tarantinos Bombendebut RESERVOIR DOGS noch immer nicht gesehen hat, für den wird es jetzt wirklich höchste Zeit, denn bald kommt sein nicht minder beeindruckender Nachfolger PULP FICTION ins Kino.

Ohr auf, Ohr ab

Quentin Tarantino ist ein Filmfreak, der so ziemlich alle Gangsterfilme gesehen hat und so genau weiß, was darin alles gezeigt worden ist, daß er sich ganz darauf konzentrieren kann, nur das zu erzählen, was sonst immer ausgespart worden ist. Zum Beispiel die Frage: Worüber reden Gangster bei Tisch? Ehe der Film richtig loslegt, unterhalten sich die Jungs also erst einmal über den Sinn und Unsinn von Trinkgeldern. Und als es dann losgeht, ist schon alles wieder vorbei. Der Überfall, für den sie sich bei Tisch gestärkt haben, geht voll daneben – was Tarantino aber nicht zeigt, weil man das schon tausendmal gesehen hat. Er steigt erst ein, als die Verwundeten fliehen, und sein Film dauert genau so lang, wie jemand braucht, um in einer Lagerhalle an einem Bauchschuß zu verbluten. So viel zur Einheit von Zeit und Raum, in der man Dinge erleben kann, von denen das Theater nicht einmal zu träumen wagt. Mit dabei sind Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Steve Buscemi, Chris Penn, Lawrence Tierney und Lawrence Bender – einer cooler als der andere. Wer den Film heute oder morgen in der Spätvorstellung um 22.45 Uhr im Theatiner versäumt, sollte sich wenigstens den Soundtrack kaufen, auf dem nicht nur perlen wie Stuck in the Middle With You zu hören sind.

Angst essen Seele auf

Das Arena macht sich mal wieder verdient um die Geschmacksbildung des Münchner Publikums und zeigt für alle, die SNAKE EYES nicht begriffen haben, jeweils um 22.45 Uhr nochmal die früheren Filme von Abel Ferrara. Das beginnt heute mit BODY SNATCHERS (1992), der die bereits von Don Siegel und Philip Kaufman verfilmte Geschichte, in einen Militärstützpunkt verlegt. Außerdem läßt er die Möglichkeit offen, daß sich die ganze Geschichte nur im Kopf von Jennifer Tilly abspielt – eine entzückende Idee, denn schließlich wirken auf pubertierende Mädchen ohnehin alle Menschen wie Außerirdische. Am Samstag und Sonntag folgt KING OF NEW YORK (1990), eine Symphonie der Großstadt, in der Christopher Walken genauso selbstsüchtig und wahnhaft agiert wie später Harvey Keitel in BAD LIEUTENANT, der nächstes Wochenende nochmal zu sehen sein wird. Am Donnerstag kommt dann CHINA GIRL (1987), die Geschichte von Romeo und Julia zwiwchen Chinatown und Little Italy.

Kämpfer statt Tänzer

Das Werkstattkino liefert die Fußnoten zu Tarantino, der sich in TRUE ROMANCE als Kungfu-Fan geoutet hat. Bis Sonntag läuft um 23 Uhr RETURN OF THE STREETFIGHTER (1976) mit Sonny Chiba, der ein Kämpfer war, und am Donnerstag um dieselbe Zeit FIST OF FURY (1971) mit Bruce Lee, der eher ein Tänzer war.

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