12. Juni 1992 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Cahiers du cinéma

Film-Tipps

Das Kino und das Schreiben darüber

Eine Filmreihe feiert die Cahiers du cinéma, und andere Empfehlungen

Die Cahiers du cinéma haben Filmgeschichte geschrieben. Am Anfang war der Traum vom Kino und das Schreiben darüber. Und daß daraus dann Filme wurden, sagt auch einiges darüber, was für ein Schreiben das war. Truffaut, Godard, Rivette. Rohmer und Chabrol haben in den Cahiers ihre Autorenpolitik entworfen und wurden dann selbst Auteurs, eine Tradition, die sich fortgesetzt hat mit Assayas, Biette oder Bonitzer. Ihre Handschrift haben sie beim Schreiben der Filme entworfen.

Das Institut Français zeigt im Gasteig noch bis Sonntag von den Cahiers selbst ausgesuchte Filme, die für die Entwicklung der Zeitschrift und ihre Politik besonders wichtig waren. Wer Lola von Jacques Demy und die wunderbare Anouk Aime kürzlich im Filmmuseum versäumt hat, kann das heute um 20 Uhr nachholen. Ein weißer Cadillac fährt in den Hafen von Nantes ein, ein weißer Cowboy sitzt am Steuer. Drei weiße Matrosen sind on the town und vergnügen sich mit den Mädchen im Eldorado, wo Lola arbeitet, eine flatterhafte Erscheinung, die fest daran glaubt, daß irgendwann ihr Cowboy zurückkommt und sie und ihren Sohn holt. Dazwischen sind aber noch Robert und die Damen vom Café, eine viel zu junge Witwe und ihre lebenshungrige Tochter. Bei Jacques Demy kann nur ein Narr das Schicksal Zufall nennen, weil die Geschichten sich so lange verdoppeln und überlagern, bis sie zur Deckung gebracht worden sind. Der Film ist Ophüls gewidmet, einem anderen Favoriten der Cahiers.

Als Jacques Demy 1990 starb, widmeten die Cahiers dem ‚Cousin der Nouvelle Vague‘ die Dezember-Nummer, auf deren Titel sich Jacques Doillons LE PETIT CRIMINEL fand, der am Samstag um 20 Uhr läuft. Ein Junge erfährt von einer Schwester, nimmt eine Waffe und entführt einen Polizisten, das ist alles. Die Beziehung zwischen den dreien sind ein steter Reigen von Annährung und Entfremdung. Versprechen und Verrat. Die Cahiers nannten das die Begegnung von Theater und Sozialem: ‚Das eine stimuliert das andere, beides erschafft einander. Man befindet sich in jenem Kino, das wir so sehr lieben: Renoir, Vigo, Pialat.‘ Von Pialat wiederum läuft am Freitag um 18 Uhr PASSO TON TRAC D’ABORD aus dem Jahr 1979, in dem er von den Prüfungswehen einiger Jugendlicher in einer Stadt in Nordfrankreich erzählt.

Außerdem Fassbinder, so weit das Auge reicht. Im Broadway, Elisenhof und Filmmuseum, wo man im Schnelldurchlauf jeweils 18 und 21 Uhr durchs Land RWF rasen kann: Freitag DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT und WILDWECHSEL, Samstag ANGST ESSEN SEELE AUF und Fontane EFFI BRIEST, Sonntag WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE (11 Uhr), DER HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN (15 Uhr), Fontane EFFI BRIEST und FAUSTRECHT DER FREIHEIT. Montag Mutter Küsters‘ FAHRT ZUM HIMMEl und SCHATTEN DER ENGEL, Dienstag ICH WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT und SATANSBRATEN, Mittwoch CHINESISCHES ROULETTE und BOLWIESER und Donnerstag DESPAIR – EINE REISE INS LICHT und DEUTSCHLAND IM HERBST.

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