27. Juni 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Kino als Fälschung

Filmfest München: Ansichtssachen

Die Kunst der Fälschung

Das Kino ist immer eine Fälschung. Es sieht so aus wie das Leben und ist doch nur Licht und Schatten, Schall und Wahn. Um der Wirklichkeit zu gleichen, muß es voll auf Erfindung und Einbildung setzen. Und um die Wahrheit zu sagen, muß es oft lügen wie gedruckt.

Von dem Drehbuchautor William Goldman gibt es eine Anekdote, bei der er sich fragt, wie wohl das Wetter werden wird und im nächsten Moment im Autoradio die Antwort bekommt. Im Leben, meint Goldman, passiere so etwas dauernd – im Kino jedoch seien solche Zufälle strengstens untersagt. Natürlich straft die Filmgeschichte Goldman immer wieder Lügen, aber im Prinzip hat der Mann Recht. Das Kino muß die Wahrheit verfälschen, um wahrhaftiger zu wirken.

Genau, sagt Orson Welles, der diese Frage vor zwanzig Jahren zum Thema eines Films machte. F FOR FAKE (Theatiner, 15 Uhr) erzählt von Fälschern und betreibt dabei selbst die Kunst der Fälschung. Da gibt es Elmyr de Hory, der ein paar Picassos fälschte, die nicht einmal der Meister selbst als Fälschungen identifizieren konnte. Da gibt es Clifford Irving, der für seine gefälschte Biographie von Howard Hughes ins Gefängnis mußte. Und da gibt es Welles selbst, der um seine Muse Oja Kodar eine weitere Geschichte erfindet, die der Wirklichkeit frech ins Gesicht lacht. Welles tut in diesem Film so, als ließe er sich in die Karten schauen, dabei fällt man nur auf seine Tricks herein. Ob Original oder Fälschung – es kommt auf den Betrachter an.

Quentin Tarantino, der sich in der Doppelrolle als Enkel Hollywoods und Sohn der Nouvelle Vague gefällt, nimmt in PULP FICTION (Carl-Orff-Saal, 22.30 Uhr) Geschichten, die durch unendliche Wiederholung in Schundromanen zur leblosen Hülle verkommen sind, und erfüllt sie mit neuem Leben. Er setzt die billigen Geschichten und schönen Lügen einfach so lange unter Druck, bis sie ihre Wahrheit von alleine preisgeben. Man könnte sagen, daß er die Filmgeschichte auspreßt wie eine alte Zitrone.

Auch Patrice Leconte sagt, er habe der Romanvorlage von Patrick Modiano ‚den Hals umdrehen‘ müssen, habe ihn also verfälschen müssen, um seinen Geist zu bewahren. LE PARFUM D’YVONNE (MaxX 2, 20 Uhr) ist eine Verfilmung von ‚Villa Triste‘, in der die Welt so verführerisch und flüchtig ist wie der Duft der Frauen. Und das Leben ist kaum mehr als eine Illusion.

Michael Haneke hingegen schaut in 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLS (Carl-Orff-Saal 20 Uhr) dem Leben wieder mal so genau auf die Finger, daß es keine Gelegenheit mehr hat, sich in eines seiner üblichen Täuschungsmanöver zu flüchten. Das Kino mag vielleicht eine Lüge sein, aber die Wahrheit ist bei Haneke viel schlimmer

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