10. Juni 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Bernard Tapie

Komödie

Ein Gewinner auf ganzer Linie

Tausendsassa Bernard Tapie in seiner ersten Filmrolle

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der ganz hoch aufgestiegen ist, um umso tiefer zu fallen. Bernard Tapie war in Frankreich die Symbolfigur der goldenen Achtziger, ein Tausendsassa in Wirtschaft, Politik und Sport, der sich im Laufe der Neunziger so gründlich in den Fäden, die er allerorten zog, verstrickt hatte, daß nur noch der freie Fall blieb. Skandale, Bestechung, Bankrott, Gefängnis, die ganze Palette. Und mittendrin eine Rolle als erfolgreicher, aber verunsicherter Unternehmer in Claude Lelouchs MÄNNER UND FRAUEN – DIE GEBRAUCHSANLEITUNG. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Persönlichkeiten sind natürlich rein zufällig.

1943 wurde Tapie als Sohn einer Krankenschwester und eines Heizungsmonteurs im Pariser Vorort Le Bourget geboren, machte mit 25 sein Diplom als Elektroingenieur und verkaufte Fernsehgeräte. Zehn Jahre arbeitete er in Unternehmensberatungsfirmen, erstand 1977 eine Papierfabrik und stieg mit dem Geld ganz groß ein: Er kaufte bankrotte Firmen zum symbolischen Preis von einem Franc, sanierte sie und stieß sie mit hohem Gewinn wieder ab. Er entließ Leute, kümmerte sich nicht um den Sozialplan und hatte bald mehr als 40 Firmen, darunter auch die Sportartikelfirma Adidas. 1986 veröffentlichte er sein Erfolgsrezept in Buchform: „Gagner – Gewinnen auf der ganzen Linie”.

Der Klassenfeind wurde ausgerechnet zur Kultfigur der Linken. 88 trat er in Marseille gegen Le Pen an und zog als Abgeordneter in die Nationalversammlung. 92 wurde er Minister für Stadtentwicklung, und auch eine drohende Anklage wegen Veruntreuung, Bilanzfälschung und Hehlerei konnte ihn nicht stürzen. Der Anfang vom Ende war jedoch, als bekannt wurde, daß Tapies Verein Olympique Marseille ein Spiel gegen Valenciennes gekauft hatte.

1994 holte er bei der Europawahl zwar nochmals zwölf Prozent der Stimmen, aber von da an ging es nur noch bergab: Steuerhinterziehung, parlamentarische Immunität aufgehoben, Bankrott, Ämterentzug, zwei Jahre Haft, Berufsverbot, Entlassung im letzten Jahr. Tapies Bedenken gegen seine Rolle bei Lelouch zerstreute der Regisseur mit dem Satz: „Alle werden denken, daß es nur um den Knalleffekt geht. Wir aber dürfen nur an eines denken: einen schönen und guten Film zu machen. ”

Und tatsächlich fügt sich Tapie, der schon als Chansonnier und Moderator zugange war, locker ins Ensemble ein. Sein Charisma, dem er in der Politik so viel verdankte, hält auch dem Blick der Kamera stand. Aber schließlich war das Kino schon immer eine Jahrmarktskunst, in der es diejenigen, die den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen vermochten, am weitesten gebracht haben.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


4 × zwei =